Der Zeichner Jens Harder entwirft in seiner neuen Graphic Novel „Gamma“ ein Zukunftsszenario, das bis in 100 Milliarden Jahre reicht.
2028 beendet ein Putsch gegen Putin den Ukrainekrieg. 2035 kommt ein Impfstoff gegen Krebs, 2037 mobile Quantenrechner auf den Markt. 2041 wird die Weltwährung Globo eingeführt, 2057 werden die zwölf Marskolonien autark. 2059 wird der Peak Mankind, also der Weltbevölkerungshöchststand, bei knapp 9,5 Milliarden Menschen erreicht.
Wo viele Science-Fiction-Bücher konkrete Datierungen ihres Settings schuldig bleiben, entwickelt der deutsche Zeichner Jens Harder in seiner neuesten Graphic Novel „Gamma“ eine komplett durchkomponierte Zeitleiste, die quasi alle Lebens- und Wissenschaftsbereiche umfasst. Zwischen den positiven Entwicklungen bahnen sich aber schon in der näheren Zukunft gewaltige Umbrüche an. Und hier ist Elon Musks Wahl zum US-Präsidenten auf Lebenszeit nicht die schlimmste.
In einer immer weiter digitalisierten und kybernetisierten Zukunft wird Arbeit zum Luxus, menschliche Reproduktion von der Biologie entkoppelt. Quasireligiöse Fanatiker und Ökosekten verüben Terroranschläge, der Kampf um Ressourcen spitzt sich zu. Um die Klimakatastrophe halbwegs in den Griff zu bekommen, die unter anderem zu einem starken Anstieg des Meeresspiegels geführt hat, wird Geoengineering im großen Stil betrieben. Zusätzlich führt die Eruption des Supervulkans unter dem nordamerikanischen Yosemite-Nationalpark zu einer temporären Senkung der Temperaturen, was der Menschheit trotz vieler Kollateralschäden zumindest eine kurze Verschnaufpause gibt.

Doch all das ist nur der Auftakt zu Jens Harders Graphic Novel, dem letzten Band seiner vierteiligen Weltgeschichte. Anders als in den vorherigen Bänden „Alpha“, „Beta I“ und „Beta II“, die die Entstehung des Universums und unseres Sonnensystems sowie in der Folge die Evolution und den Aufstieg des Menschen verhandeln, blickt Harder in „Gamma“ nun in die Zukunft. Und zwar bis es nicht mehr weitergeht: In rund 100 Milliarden Jahren setzt Harder auf ein spektakuläres Finale in einem Big Crunch. Dieses astrophysikalische Szenario geht von einer Umkehr des inflationären Alls aus. Das heißt, dass sich das gesamte Universum wieder in einem gigantischen Schwarzen Loch zu einer neuen Singularität zusammenzieht.
Damit findet Harders Mammutprojekt, das er vor bald 20 Jahren begonnen hat, ein würdiges Ende. Es handelt sich bei allen vier Bänden keineswegs um klassische Sachcomics, sondern vielmehr um einen atemberaubenden Bilderrausch. Wie schon die vorigen Bände ist auch „Gamma“, das sich durchaus unabhängig von seinen Vorgängern lesen lässt, in einheitlichen Farben gestaltet, dieses Mal monochrom in einem leuchtenden, technoiden Azurblau.
Anstelle einer an Personen festgemachten Handlung tritt eine Art kollektives visuelles Gedächtnis, ein Remix aus Science-Fiction mit zeitgenössischer Ideen- und Kulturgeschichte. Ikonische Bilder aus der Popkultur blitzen auf zwischen wissenschaftlichen Grafiken, historischen Zukunftsdarstellung und in opulente Zeichnungen gegossene Visionen einer imaginierten Zukunft. Dabei hat sich Harder bewusst für eine unnatürliche, in gewisser Weise entmenschlichte Bildebene entschieden, zum Teil verpixelt oder mit treppenartigen Linien, die an schlechte Computergrafik erinnern.
Die minimalistischen Texte, die in einer leicht verfremdeten, fehlerhaften Kunstsprache verfasst sind, kommen wie Stotterer aus einem fernen Zeitalter daher. Sie bieten ein wenig Einordnung in die stroboskopartigen, extrem detaillierten Darstellungen futuristischer Megacitys, Technologien, Maschinenarmeen und intergalaktischer Entwicklungen. Dazu kommt am Ende jedes Kapitels eine Chronologie mit den Daten aller wichtigen Ereignisse – in die sich immer wieder ironische Einsprengsel schummeln (wie: 2078 geht der Literaturnobelpreis erstmals an eine Comiczeichnerin).

Für den Menschen wird es eng auf diesem „Möglichkeitspfad in die Zukunft“, wie es Harder nennt. Die Erderwärmung führt trotz Manipulation des Klimas zu weitreichenden Anpassungsstrategien wie schwimmenden Städten. Doch all das wird unerheblich, wenn in spätestens 250 Jahren immer mächtigere, intelligentere Maschinen die Kontrolle über sämtliche Lebensbereiche erlangt haben und fortan das Geschehen bestimmen. Harder skizziert eindrücklich, wie die Menschen das Sonnensystem besiedeln und auch auf der Erde in Riesenkuppeln separiert werden. Doch alle Versuche der Synthetisierung von Biomen, der Erweiterung der Gehirne durch KI oder des Absiedelns aller verbliebenen Arten in Raumarchen helfen nicht. Spätestens um 2530 müssen die letzten von uns die Erde verlassen. Die Humans, wie die Menschen genannt werden, dezimieren sich immer weiter, bis sie aussterben. Dann startet die Evolution der Maschinen so richtig durch: Sie bauen eine Dyson-Sphäre um die Sonne und errichten nach und nach einen gewaltigen Galaxienverbund.
„In ‚Alpha‘, ‚Beta‘ und ‚Gamma‘ wollte ich all das bündeln, was uns Menschen ausmacht und bewegt, aber auch all das, was mich seit frühester Kindheit interessierte“, sagt Jens Harder. „Wissenschaft in allen Ausprägungen – Astronomie, Physik, Chemie, Biologie, Paläontologie, Archäologie, Kunst- und Kulturgeschichte – eingebettet in eine Milliarden Jahre lange Erzählung und aufgefädelt in verschiedenste zeitliche Abläufe, sich langsam, aber unaufhaltsam vor dem Auge entfaltend wie in einem gefrorenen Animationsfilm, wiedergegeben in dem dafür perfekt geeigneten sequenziellen Medium Comic.“ Dass er nach den drei ersten Bänden, in denen er die Weltgeschichte bis zur Gegenwart einfängt, nun den Sprung in die Zukunft wagt, erklärt Harder so: „Ich wollte in dieser ‚Großen Erzählung‘ ja nicht nur zusammenbringen, was sich alles zutrug, um die Welt zu der werden zu lassen, wie wir sie heute kennen. Ich fand es enorm bereichernd, nicht nur den jeweiligen Ist-Zustand zu zeigen, sondern auch sein Potenzial für die weiteren Geschehnisse, den Einfluss auf unser Denken und unsere Kultur, den Impakt also, den eine Erfindung oder Entdeckung in späteren Zeiten provozieren würde.“
Wie auch in den vorhergehenden Teilen baut Harder auf vorhandenes Wissen, ließ sich von aktuellen Science-Fiction-Büchern und -Filmen genauso wie von neuesten Forschungsergebnissen oder Szenarien von Tech-Unternehmen inspirieren. Bis er in den letzten Kapiteln völlig losgelöst auf das Ende von allem blickt. Ein grandioses Gedankenexperiment und visuelles Feuerwerk, in dem man sich nur allzu gern verliert.
Hier findet sich ein Interview mit Jens Harder.
Dieser Beitrag erschien zuerst am 08.11.2025 in: Der Standard – Comicblog Pictotop.
Jens Harder: Gamma … visions • Carlsen, Hamburg 2025 • 192 Seiten • Hardcover • 44,00 Euro
Karin Krichmayr arbeitet als Wissenschaftsredakteurin für Der Standard. Außerdem betreibt sie für die österreichische Tageszeitung den Comicblog Pictotop.

