Guy Delisle: „Die KI kann keine guten Witze machen“

Der Frankokanadier Guy Delisle ist bekannt für seine abenteuerlichen Reiseberichte. In seinem aktuellen Buch „Für den Bruchteil einer Sekunde“ hat er dem exzentrischen Fotopionier Eadweard Muybridge ein Denkmal gesetzt. Karin Krichmayr hat mit ihm ein Interview auf der Buchmesse in Wien geführt.

Schon sein Name zeugt von einer gewissen Extravaganz: Eadweard Muybridge (abgewandelt von Edward Muggeridge) lebte von 1830 bis 1904 und war jedenfalls kein gewöhnlicher Zeitgenosse. Auch wenn sein Name vielen nicht bekannt ist, ist seine Fotoserie der Bewegungsphasen eines galoppierenden Pferdes weltberühmt. Sie war das Ergebnis einer Wette, die der Politiker und Eisenbahnmogul Leland Stanford, Gründer der Stanford Universität, abgeschlossen hatte. Stanford behielt recht: Pferde heben während des Galopps kurzfristig ab. Die Arbeit erwies sich auch für Muybridges außergewöhnliche Karriere als Sprungbrett. In seinem neuesten Buch „Für den Bruchteil einer Sekunde“ (hier die Kritik auf Comic.de) zeichnet der frankokanadische Comicautor Guy Delisle den Lebensweg des Foto- und Filmpioniers nach. Delisle ist Spezialist für die Absurditäten des Alltags, vor allem an konfliktträchtigen Orten von Jerusalem bis Pjöngjang, die normalerweise nicht so einfach zu bereisen sind.

Sie sind an die unmöglichsten Orte gereist und haben das Genre autobiografischer Reportagecomics entscheidend mitgeprägt. Zuletzt haben Sie die Geschichte eines Mannes erzählt, der monatelang als Geisel tschetschenischer Separatisten festgehalten wurde, und nun eine historische Biografie. Wie kam der Perspektivwechsel?

Als ich an dem Buch „Geisel“ über das Entführungsopfer Christophe André arbeitete, habe ich es sehr genossen, dass jemand anderer die Hauptfigur ist. Muybridge hatte ich schon seit der Zeit, als ich in einem Animationsstudio arbeitete, im Kopf. Ich hatte damals sein Buch „The Human Figur in Motion“ gelesen, ein Standardwerk. Später stieß ich auf seine Geschichte: Sein Leben war einfach verrückt, und trotzdem ist er kaum bekannt.

Was hat Sie so an Muybridge gereizt?

Zunächst war er der erste Mensch, der tatsächlich Bewegung eingefroren hat. Plötzlich konnte man ein Pferd im Sprung sehen – etwas, was das Auge nicht erfassen kann. Davor war er ein gefeierter Landschaftsfotograf, der vom reichsten Mann der Welt, Leland Stanford, engagiert wurde, um die Bewegung von Pferden im Galopp festzuhalten. Zwischendurch ermordet er den Liebhaber seiner Frau und erfindet nebenbei einen Projektor. Er zeigt Filme 15 Jahre vor den Lumière-Brüdern und Edison in den USA. Für mich beginnt das Kino mit Muybridge. Die Epoche selbst ist unglaublich reich an Entwicklungen: Eisenbahn, Dampfmaschinen, Elektrizität, Telegraf, Phonograph, Kino – und das alles in einer Generation. Dazu ein Hauch von Western: Mord, Revolver, weite Landschaften. Perfekt für einen Comic.

Sie haben selbst auch einiges erlebt, wie man in Ihren Reisecomics „Aufzeichnungen aus Birma“, „Shenzhen“ oder „Pjöngjang“ nachlesen kann. Sehen Sie sich als Reporter?

Ich sehe mich nicht als Journalist. Meine Bücher sind sehr subjektiv. Ich weiß meistens sehr wenig über die Situation und versuche, zu verstehen, was ich sehe. Ich vermittle kleine Brocken an Information, die man Journalismus nennen könnte, aber ich spreche auch über mein Auto, die Kinder, das Alltagsleben und mixe das mit meinen Beobachtungen. Ich zeichne nicht vor Ort, sondern brauche immer ein wenig Distanz, um zu filtern, welche Szenen Bestand haben.

Was können Comics Ihrer Meinung nach besser als Journalismus?

Comics sind exzellent darin, Dinge zu erklären. Sie erlauben ein anderes Tempo als etwa Radio oder Video: Man liest in der Geschwindigkeit, in der man will. Im Comic ist die Information außerdem so konzentriert, dass ich komplexe Orte und Situationen auf einer Seite erklären kann. Zum Beispiel die Esplanade der Moscheen auf dem Tempelberg in Jerusalem: Sie ist bekannt dafür, dass hier die Zweite Intifada begann, als Ariel Sharon sie besuchte. In einem Comic kann ich das erklären und zugleich zeigen, was für ein wunderschöner, friedlicher Ort das ist. Neben den Fakten präsentiere ich auch meine ganz eigene Perspektive.

Ihr Stil ist sehr reduziert, auch mit Farben gehen Sie sparsam um. Welche Bedeutung hat dieser Minimalismus?

Ich versuche, die Zeichnungen so simpel zu halten wie den Text. Die Kombination aus beiden macht eine starke Comicerzählung aus. Ich mache keine Literatur und keine Kunstwerke, die man sich an die Wand hängt. Die Bilder tragen die Geschichte. Ich will damit Dinge erklären, aber auch Situationskomik vermitteln. In Jerusalem war ich zum Beispiel in einer arabischen Parkgarage, in die jüdische Siedler mit ihren Autos kamen, um sie reparieren zu lassen, weil die Leute immer Steine auf sie warfen. Solche Infos bekommt man nicht in den Nachrichten. Ich sammle im Grunde Alltagsdetails wie diese. Oder Nordkorea: Es ist wie ein Kult, eine Sekte, nicht wirklich ein Land. Am Ende ergibt das eine sehr lange Postkarte, wie ich meine Bücher gern nenne.

Künstliche Intelligenz hat längst die Buchwelt überrollt. Ist der Comic resistent dagegen?

Zum Teil. Um einen Comic zu machen, muss man nicht unbedingt zeichnen können, das wird die KI eines Tages übernehmen können. Aber eine gute Erzählung wird sie nicht ersetzen können, die Auswahl zu treffen, welche Bilder man wie einsetzt. Das gilt auch für Witze. Die KI kann keine guten Witze machen. Ich denke, dass sie gut eingesetzt werden kann im Mainstream: Sie wird einen Superhelden-Film machen können oder einen Western, der denen ähnelt, die es bereits gibt. Für Animation wird sie ein großartiges Werkzeug werden, etwa für Zwischenschritte, die sonst sehr zeitaufwendig sind. Ich bin sicher, dass wir in Zukunft viel mehr Animationsfilme sehen werden.

In Kanada wie generell im frankophonen Raum genießen Comics und Graphic Novels eine weit größere Sichtbarkeit als in deutschsprachigen Ländern, wo nicht viele Menschen von Comics leben können. Wie könnte man Comics aus ihrer Nische herausholen?

Auch in frankophonen Ländern hat es gedauert, bis sich eine Independent-Szene entwickeln konnte. Noch vor 30 Jahren hätten die Verlage keine Schwarz-Weiß-Geschichten gedruckt, keine Kurzgeschichten und keine Geschichten, wo ein Typ in China herumgeht. Es wird also dauern, bis Graphic Novels auch hier ein größeres Publikum erreichen. Heute sind Comics in Frankreich fixer Teil der Medienlandschaft. Hier sind einige meiner Bücher Unterrichtsmaterial und werden von Geschichte- und Geografielehrenden verwendet. Das wäre zu meiner Schulzeit noch nicht möglich gewesen.

Was sind Ihre nächsten Projekte?

Ich habe gerade ein neues Buch abgeschlossen, eine Adaption eines kurzen Textes von Jean Echenoz, meinem Lieblingsautor. Danach plane ich ein Buch über meine Lesereisen, besonders in den USA. Ich möchte aber auch wieder eine Biografie machen, und zwar über Ambroise Vollard, einen Maler und Kunsthändler von der Insel Réunion, der Cézanne entdeckt hat. Er hat zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Zukunft der Malerei vorausgesehen und damit die Entwicklung moderner Kunst beeinflusst. Ich werde einem der Bilder folgen, die er in die Welt geschickt hat.

Was macht ein gutes Thema aus?

Wenn man ein Thema zehn Jahre im Kopf hat, ist es ein gutes Zeichen. So war es beim Buch über Christophe André, so war es bei Muybridge. Und sobald das Buch fertig ist, ist es vorbei – man denkt nicht mehr daran. Dann wartet das nächste.

Dieses Interview erschien zuerst am 26.12.2025 in: Der Standard – Comicblog Pictotop.

Guy Delisle: Für den Bruchteil einer Sekunde – Das bewegte Leben von Eadweard Muybridge • Aus dem Französischen von Ulrich Pröfrock • Reprodukt, Berlin 2025 • 208 Seiten • 26 Euro

Karin Krichmayr arbeitet als Wissenschaftsredakteurin für Der Standard. Außerdem betreibt sie für die österreichische Tageszeitung den Comicblog Pictotop.