Andreas Eikenroth vervollständigt mit „Leonce & Lena“ seinen Georg-Büchner-Zyklus als Graphic Novel. Nach seinen Adaptionen von „Woyzeck“, „Lenz“ und „Dantons Tod“ markiert dieses Lustspiel den Abschluss seiner grafischen Auseinandersetzung mit dem Gesamtwerk des Autors.
Büchners Lustspiel ist eine Persiflage auf die Politik seiner Zeit. Prinz Leonce vom Königreich Popo langweilt sich und gibt seiner Mätresse den Laufpass. König Peter sieht sich das nicht länger an und arrangiert eine Ehe mit Prinzessin Lena von Pipi, die Leonce aber überhaupt nicht kennt. Das kann Leonce sich nicht bieten lassen und flieht nach Italien. Dort trifft er auf Lena, die denselben Einfall hatte. Andreas Eickenroth übersetzt dieses Verwirrspiel in eine Graphic Novel voller Charme: verspielt und mit schwungvollen Bildzitaten, die an Carl Spitzwegs verschrobene Figurenwelten erinnern. Zwischen verträumten Landschaften und skurrilen Hofszenen entsteht ein Büchner, der gleichzeitig klassisch und überraschend lebendig wirkt.
Andreas Eikenroth: Zu Comics kam ich durch den üblichen Werdegang, von Popeye über Marvel zu U-Comix und so weiter. Durch die Lust, selber Comics zu zeichnen, habe ich in Gießen mit Freunden das Comicgratismagazin „The Kainsmal“ gegründet. Mit den Leuten war ich auch immer in Erlangen, wo der Kontakt zur Edition 52 entstand, die meine ersten selbst geschriebenen und gezeichneten Comics „Die Schönheit des Scheiterns“ und „Hummel mit Wodka“ veröffentlichten. Für ersteres gab es damals den ICOM-Preis.
Zu Büchner kam ich, weil ich hauptberuflich mein halbes Leben lang am Gießener Theater arbeite. Und Büchner studierte in der Stadt. Zu seinem 200. Geburtstag gab es hier im Theater die Büchnertage. Da waren Gruppen aus aller Welt zu Gast. Besonders beeindruckt hatte mich eine südafrikanische Theatergruppe, die „Woyzeck“ mit mannshohen Marionetten auf die Bühne brachte und das Stück in einem Township spielen ließ. Da kam mir erstmals der Gedanke, dass Büchner auch was für eine Comicadaption wäre.
Während der Arbeit zu „Woyzeck“ fiel mir auf, dass der arme Mann ja nur 23 Jahre alt wurde und sein Werk dementsprechend überschaubar ist. Also dachte ich mir, dass ich nach und nach sein komplettes schriftstellerisches Werk adaptiere, denn verdient hat er es, dass man sich mit ihm beschäftigt. Durch die acht Jahre an den Bühnenstücken habe ich gemerkt, dass das mein Thema ist, ich werde also bei zukünftigen Comics ein Ein-Mann-Theater bleiben.
Wie entstand die Idee zu deiner Comic-Inszenierung von Georg Büchners „Leonce & Lena“?
Nun, wie gesagt, um den Büchner komplett zu machen, waren die beiden einfach dran. Woyzeck, Lenz und Danton habe ich schon adaptiert. Nun war es Zeit für die einzigen fiktiven Hauptdarsteller in seinem Werk.
Beschreib mal bitte kurz, worum es in „Leonce & Lena“ geht.
Um zwei Königskinder, die einander versprochen sind, aber keine Lust auf Heirat haben. Also hauen beide von zu Hause ab, lernen sich zufällig in Italien kennen, ohne zu ahnen, wer der jeweils andere ist, und verlieben sich ineinander. Zudem sind die beiden recht todessehnsüchtig und kokettieren gerne mit dem Selbstmord, drum habe ich sie ein bisschen als Emos angelegt. Die spießige Szenerie, in der das Ganze spielt, habe ich mit Bildzitaten von Carl Spitzweg angelegt, der ja die Biedermeierzeit recht liebevoll und augenzwinkernd eingefangen hat.
Du hältst dich schon recht genau an das Szenario. Ich nehme an, deine Adaption sollte möglichst authentisch sein. Wo gibt es Abweichungen?
Außer bei dem Outfit der beiden wenig. Ich habe, so wie es Dramaturgen im Theater auch tun, hier und da etwas gekürzt und gestrafft. Manche Dialoge funktionieren auf der Bühne, aber im Comic weniger. Ein paar aus heutiger Sicht nicht mehr unbedingt verständliche Wortspiele und Gags habe ich rausgeschmissen. Und dass die Königreiche „Popo“ und „Pipi“ heißen, habe ich, bis auf eine Stelle, auch gekickt, das kommt heute doch etwas infantil rüber. Aber ansonsten ist alles, wie Büchner es geschrieben hat. Die Sprache unnötig zu modernisieren, wäre albern. Ich finde die Halbwertszeit von solchen Büchern, die Klassiker in Jugendsprache übersetzen, arg gering und zudem setzt da Fremdscham ein.
Auffällig ist, dass du bei „Leonce & Lena“ ausschließlich mit ganzseitigen Panels arbeitest. Fast schon im Bilderbogenstil. Du nennst es grafische Inszenierung. Was hat dich diese Form wählen lassen?
Ich möchte eben versuchen, den Theatermoment auf das Papier zu übersetzen. Und die ganzseitigen Tableaus sind dabei wie Bühnenbilder, jede Seite ist eine neue Szene. Dabei lässt sich das auch, wie im Buch oder im paneleingeteilten Comic, von links oben nach rechts unten lesen.
Wie schaffst du es, neben deinem Job am Theater auch noch Comics zu zeichnen?
Das Zeichen ist ein wunderbarer Ausgleich beziehungsweise eine wunderbare Ergänzung zum Theater. Das eine bedingt das andere.
Dieses Interview erschien zuerst auf: PPM-News
Andreas Eikenroth: Leonce & Lena • Edition 52, Wuppertal 2026 • Hardcover • 64 Seiten • 17,00 Euro

