„Die Figuren erfordern viel Disziplin, beim Himmel hingegen kann man sich vom Zufall treiben lassen“

„Die lebende Tote“, Alberto Varandas und Olivier Vatines düsterer Mix aus Frankenstein- und Lovecraft-Motiven, hat Comic.de-Kritiker Bernd Weigand ausgesprochen gut gefallen. Der Horror-Oneshot erschien zugleich als reguläre Edition und als limitierte, überformatige und mit Bonusmaterial ausgestattete Diamant-Ausgabe. Wir präsentieren das folgende Interview mit Vatine und Varanda aus dem Bonusteil der Diamant-Edition mit freundlicher Genehmigung des Splitter Verlags.

Olivier Vatine

Warum „Die lebende Tote“?
Olivier Vatine: Das ist der einzige Roman von Stefan Wul in diesem Stil. Eine SF-Erzählung, die sich allmählich als gotische Schauerliteratur entpuppt… Ich hatte große Lust, mich an diesem Genre zu versuchen.

Hast du wichtige Änderungen in Bezug auf den ursprünglichen Roman unternommen?
OV: Nicht wirklich, abgesehen von einer Passage, die mir nicht gefiel, wo die Heldin von einer Art Echse gebissen wird. Das war für meinen Geschmack etwas zu pulpmäßig. Ich hatte die Idee, die Kraken von Niourk in Szene zu setzen, weil sich aus meiner Sicht alles zur selben Zeit abspielt. Eine durch Katastrophen zerstörte Erde, deren Menschheit auf den Mars geflüchtet ist – abgesehen von einigen Unbeugsamen, die dort blieben.

Olivier, wie lief deine Zusammenarbeit mit Alberto während des Schreibens ab?
OV: Als Alberto das Projekt akzeptiert hatte, schlug er schnell den grafischen Stil vor, in dem er das Album verwirklichen wollte. Er kam regelmäßig in mein Atelier und wir erarbeiteten jede Sequenz gemeinsam. Wir besprachen die Storyboards, die ich vorschlug; einige Passagen waren sehr langatmig und kompliziert umzusetzen, aber Alberto hatte immer das letzte Wort. Er ist derjenige, der zeichnet und seine Freude dabei haben soll.

Alberto Varanda

Alberto, war es nicht anfangs schwierig, dir zu sagen, dass du nicht für das Storyboard zuständig bist?
Alberto Varanda: Es war Olivier Vatines Vorschlag, die Adaption zu schreiben und gleichzeitig das Storyboard anzufertigen, anstatt mir eine Folge von Dialogen zu liefern. Es hat mich nicht gestört, denn ich hatte nicht das Gefühl, Zeichnungen von Olivier zu tuschen.

Bei einer solch komplexen Tuschetechnik, wo jedes Panel enorm viel Arbeit darstellt, muss man sich auf seine Zeichnungen konzentrieren. Und es war angenehm, sich auf ein so präzises Storyboard stützen zu können. So konnte ich ganz in meinem Part der Arbeit aufgehen und mein Bestes geben. Ich habe ein oder zwei Panels geändert, aber abgesehen davon habe ich Olivier vollständig vertraut. Jeder hat seine Arbeit getan und wusste, was er zu tun hat.

OV: Ich habe das Storyboard nach einem Erzählprinzip angelegt, mit Text und einigen 3D-Elementen, wenn es nötig war. Alles Übrige waren größtenteils Silhouetten und „Kartoffelmännchen“.

„Die lebende Tote“ ist im Wesentlichen eine recht vergeistigte Erzählung, die stark auf Dialogen und inneren Monologen von Joachim beruht. Auf welche Weise habt ihr dies in Bildern umgesetzt?
AV: Genau das wollten wir von Anfang an beim Schreiben des Skripts zum Ausdruck bringen. Es war das, was ich mir wünschte und erhoffte… Olivier hat in dieser Hinsicht einen tollen Job gemacht. Wir haben nach dem Ping-Pong-Prinzip gearbeitet und ich bin sehr zufrieden. Ich habe immer auf die Stimmung und die Gefühle Wert gelegt; das Skript und die Dialoge haben dies meines Erachtens hervorgehoben. Das Grauen kann eine andere Dimension bekommen, wenn es so vergeistigt ist…

Olivier Vatine (Autor), Alberto Varanda (Zeichner): „Die lebende Tote“.
Aus dem Französischen von Tanja Krämling. Splitter Verlag, Bielefeld 2019. 72 Seiten. 18 Euro

Habt ihr ein „Figurencasting“ durchgeführt?
AV: Olivier hatte die Ideen zu den Figuren, aber es waren eher Figurentypen, die hervorzuheben waren: Beispielsweise Martha in einem viktorianischen Stil (eine Zeit, die ich liebe). Allerdings habe ich von zwei Figuren Modelle angefertigt: Martha und Hugo.

Alberto, was interessiert dich in grafischer Hinsicht an dieser Geschichte?
AV: Was mich zunächst dazu bewegt hat, zuzustimmen, ist das gotische Universum, das ich beim Lesen des Romans sofort vor Augen hatte… Das Grauen und die Romantik, die davon ausgehen (wie bei Frankenstein oder Dracula). Und es war für mich eine Gelegenheit, in einem gravurnahen Stil zu arbeiten.

Was sind deine Einflüsse und Inspirationsquellen?
AV: Der Klassizismus, wie so oft… Bernie Wrightson, Franklin Booth, was die Schraffuren und ihre bildliche Umsetzung angeht, und auch in Bezug auf die Stimmungen. Es gibt übrigens Huldigungen an Bernie Wrightson auf den Gemälden an den Wänden. Gustave Doré im Wesentlichen für alle dunklen Elemente: die Nacht, die Felsen usw. Und einige klassische Maler für ihre Stimmungen und Kompositionen: Vermeer oder Turner.

War dir vor Beginn bewusst, dass praktisch jedes Panel eine Illustration sein würde, was bisher noch niemand gemacht hat?
AV: Es war mein Wunsch, mein Ziel, von daher war es mir schon bewusst, ja. Olivier Vatine und ich waren uns über die grafische Gestaltung sofort einig… Ich konnte endlich ein neues grafisches Universum erkunden und eine neue Art, das Tuschen anzugehen. Und es hat mich nicht entmutigt, es hat mir größtenteils Freude bereitet, auch wenn ich bis zu drei Wochen an einer Seite gearbeitet habe! Ich mag die Schwarzweißseiten. Wenn man sie ansieht, erscheint alles stimmig, ich betrachte jede Seite als ein schön anzusehendes Ensemble.

Olivier Vatine (Autor), Alberto Varanda (Zeichner): „Die lebende Tote“ – Diamant s/w-VZA im Überformat.
Aus dem Französischen von Tanja Krämling. Splitter Verlag, Bielefeld 2019. 88 Seiten. 69 Euro

Jede Seite repräsentiert eine minutiöse Arbeit. Was hat dich zu einer solchen grafischen Herausforderung getrieben?
AV: Ein tiefsitzender Wunsch seit meinem Zeichenstudium. Diese grafische Technik schlummerte immer in meinem Kopf. Ich musste zwanzig Jahre warten, um sie umzusetzen. Ich hatte das Glück, zu Beginn des Albums eine Ausstellung von Gustave Doré in Paris zu besuchen. Ich habe mir den Spaß gemacht, die Arbeit dieses Künstlers zu analysieren und zu versuchen, die grafischen Lösungen zu jedem Problem zu finden (Materie, Transparenz usw.). Die grafischen Herausforderungen motivieren mich am meisten. Die Zusammenarbeit ebenfalls… Ich konnte mich vollständig dem Zeichnen und der Stimmungsrecherche widmen, während ich das Storyboard Olivier anvertraute. Dieses Vertrauen beruhte auf Gegenseitigkeit.

Ich wollte versuchen, die Schraffuren und das Hintergrundambiente sorgfältig auszuarbeiten, ich hatte dabei wirklich den „Comic“ im Kopf, und nicht die „Illustration“. Ich habe auch viel mit Licht und Schatten gearbeitet und hatte riesigen Spaß dabei, all diese Striche zu ziehen, hier und dort das Schwarz zu betonen und allmählich zu sehen, wie Plastizität entstand. Es ist wie die Bildhauerei. Es hat etwas Abstraktes…

AV: Zu Beginn eines Albums, wenn man mit dem Tuschen anfängt, neigt man natürlich dazu, sich zurückzuhalten, weil man Angst hat. Aber dann, wenn man selbstsicherer wird und zum Beispiel ein Gesicht tuscht, ist es wie abstrakte Kunst, man beginnt Volumen zu schaffen und das Gesicht tritt von ganz allein hervor. Aber das passiert nach drei Jahren Arbeit!

Selbst wenn es gegen Ende des Albums etwas mühsam wurde, überwog klar der Spaß. Abgesehen von zeitweiligen Schmerzen in den Händen war es vor allem in mentaler Hinsicht schwer. Mitunter war ich entmutigt. So hatte ich zum Beispiel jedes Mal Angst, wenn ich begann ein Gesicht zu tuschen, denn sobald man einen Strich zieht, ist es ein schwarzer Strich auf weißem Untergrund. Das hat etwas sehr Brutales und Unsanftes. Einmal sagte ich zu einem Journalisten: „Man kann an allem Freude finden.“ Es gibt immer diese Ecke in einem Panel, die dir noch mehr Freude bereitet. Nehmen wir ein Panel mit einem Stück Dekor und Figuren: Du beginnst die Figuren zu tuschen, dann erfreust du dich an einer Wolkenecke, denn eigentlich hattest du Lust, die Wolke zu zeichnen. Die Figuren erfordern viel Disziplin, beim Himmel hingegen kann man sich vom Zufall treiben lassen. Du schaffst Schraffuren, die dann selbst Volumen hervorbringen, die du nicht geplant hattest. Auf einem Gesicht geht das nicht, das wäre zu gefährlich. Das Dekor hat etwas Beruhigendes, und mit dem Himmel wird es fast wie eine Illustration à la Franklin Booth.

Seite aus „Die lebende Tote“ – Diamant VZA (Splitter Verlag)