Zorros und Batmans Großvater – „Captain Swing“

Grausiges finden die frisch gebackenen Bobbies Harry und Bob da – offenbar hat ein Kollege die beschwingte Aussage, er wolle doch lieber tot über dem Zaun hängen, etwas zu ernst genommen. Denn aufgespießt auf einem Toreingang finden die beiden einen Kollegen, offenbar gemeuchelt von einer finsteren Gestalt, die von Elektrizität umknistert meterhoch springen kann und über die Dächer entflieht. Man staunt nicht schlecht, als der Düsterling in ein kleines Boot springt, das scheinbar mühelos am Himmel schwebt und entschwindet.

Beim nächsten Auftritt des Unfassbaren ist man besser gerüstet. Zwar geschieht wieder ein Mord, aber der Bobby Charles fasst sich ein Herz und folgt der Gestalt ins wieder wartende Luftschiff. Dort kommt es zum Handgemenge, in dem Charles überwältigt und auf eine unglaubliche Reise mitgenommen wird: Das kleine Beiboot gehört zu einem gewaltigen Luftschiff, das, angetrieben von schier endloser Elektrizität, durch die Lüfte schwebt und unter dem Kommando von Spring Heeled Jack steht, der sich gerne auch Captain Swing nennt.

Warren Ellis (Autor), Raulo Cáceres (Zeichner): „Captain Swing und die elektrischen Piraten von Cindery Island“.
Aus dem Englischen von Jens R. Nielsen. Dantes Verlag, Mannheim 2019. 128 Seiten. 17 Euro

Hinter diesen schillernden Kunstnamen verbirgt sich der Wissenschaftler Doktor Jonathan Rheinhardt, der sich mit seiner Crew aus Piraten auf Cindery Island versteckt hält und von dort aus eine Rettungsmission plant. Denn eine Geheimloge von intriganten Wissenschaftlern hat einen Weltraumstein gefunden, aus dem ebenso endlose Energie gewonnen werden kann – im Gegensatz zu Captain Swing, der seine Entdeckungen der Menschheit zur Verfügung stellen will, haben diese Gesellen aber nichts anderes im Sinn, als ihr Herrschaftswissen für sich zu behalten und die Welt ordentlich zu knechten. Kaum in Cindery Island angekommen, geraten die Piraten auch schon unter Beschuss von einem Thief Taker, der im Auftrag der Geheimlogisten den Freiheitskämpfern den Garaus machen soll…

Vielschreiberling und Fantast Warren Ellis greift in dieser kleinen Graphic Novel die Grundideen des Cyberpunk auf: Im viktorianischen England nutzen die Protagonisten anachronistische Technik, die allerdings durchaus in der Zeit verortet ist. Zu Zeiten der ersten historischen Experimente mit tragfähiger Elektrizität baut sich Captain Swing im wahrsten Sinne des Wortes ein Luft-Schiff und macht sich auf in den Kampf gegen die Unterdrückung. Dass die Staatsmacht dabei zerfällt in die gerade neu gegründete Polizei (genannt Bobbies oder Peelers, nach dem Gründer Sir Robert „Bob“ Peel) und den durchaus opportunistischen Bow Street Runners, denen jedes Mittel recht ist, um die Gebote des Magistrats zu erfüllen, ist ebenso direkt aus der Realität gegriffen.

Am spannendsten ist allerdings die Integration der urbanen Legende um den sagenumwobenen Kriminellen, der als Spring Heeled Jack in die englische Folklore einging. Diese Figur soll in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts diverse Damen zu Tode erschreckt und einige wenige sogar zu Tode gebracht haben. Ausgerüstet mit dunklem Helm, eng anliegendem Ölzeug, feurigen Augen, einer tiefen Stimme und vor allem angeblich mit Sprungfedern ausgerüsteten Stiefeln avancierte der Springteufel in den Groschenromanen und Schmierentheatern schnell zum Superheld, der als Vorbild für Heroen von Zorro über Batman bis hin zum parodistischen Phantomias (inklusive Sprungfederstiefeln) diente.

Diese Gestalt vieler urbanen Legenden passt Ellis in seine phantastische Erzählung der Elektrizitätskriege ein und interpretiert sie als Wissenschaftler (andere Deutungen gingen in die Richtung Geisteskranker, Außerirdischer oder schlicht Massenhysterie), wodurch ein wunderbar verorteter Hintergrund entsteht (der Ellis offenbar so fasziniert, dass er auch in „Äthermechanik“ darauf zurückgreift). Inszeniert wird das Ganze von Raulo Cáceres verschnörkelt, comichaft und auch durchaus explizit, was diese Piratensaga kongenial umsetzt. Der emsige Dantes Verlag veröffentlicht den Band im November.

Dieser Text erschien zuerst auf Comicleser.de.

Holger Bachmann ist Autor diverser Bücher und Aufsätze zur Film- und Literaturgeschichte. Neben dem Comicleser.de schreibt er auf kühleszeug.de über Konzerte und geistvolle Getränke.

Seite aus „Captain Swing und die elektrischen Piraten von Cindery Island“ (Dantes Verlag)