„Ich hatte den starken Drang, etwas zu tun“

In ihrem Debüt „Jein“ setzt sich die Berliner Künstlerin Büke Schwarz mit den reaktionären Entwicklungen in der Türkei und der Haltung der Kunst gegenüber politischen Repressionen auseinander. Im folgenden Presse-Interview, das wir mit freundlicher Genehmigung des Jaja Verlags veröffentlichen, spricht sie über Ausflüge in die Köpfe anderer, den Mut zur Uneindeutigkeit und Selbstzensur in der Kunst.

Liebe Büke, du hast in den letzten Jahren vor allem als Illustratorin und Malerin von dir reden gemacht. „Jein“ ist nun dein Graphic-Novel-Debüt. Kannst du uns etwas über diesen Aspekt deines Schaffens verraten? Welchen Anteil nimmt der Comic in deinem künstlerischen Werk ein? Welchen Bezug hast du zu diesem Medium?
Eine Graphic Novel zu machen, fühlte sich einfach richtig an, der logische nächste Schritt. Schon in meiner Malerei arbeitete ich oft in Zyklen. Selten stand ein einzelnes Bild für sich allein. Parallel habe ich mich auch im Bereich Bewegtbild der sequentiellen Erzählung genähert. Im Gegensatz zum Bewegtbild kann ich im Comic Geschichten ohne großes Team erzählen. Und anders als in der Malerei können Bild und Text sich symbiotisch ergänzen. Deshalb wird der Comic zu Recht als die Neunte Kunst bezeichnet. Er ist ein einzigartiges künstlerisches Medium, dem ich mich in Zukunft auch noch weiter widmen möchte.

Elâ, die Protagonistin von „Jein“, stellt sich im Comic mit den Worten vor: „Ich bin Malerin. Mit meinen Malereien erzähle ich Geschichten.“ Kannst du uns ein bisschen über dein Werk im Allgemeinen verraten? Bist du auch mit deinen Gemälden, Zeichnungen, Videos und Installationen eine Geschichtenerzählerin wie Elâ?
Das Geschichtenerzählen ist für mich ein sehr wichtiges Kommunikationsmittel. Es stellt sozusagen eine Verbindung her zwischen mir und demjenigen, der sich davon angesprochen fühlt oder vielleicht sogar etwas für sich darin findet. Geschichten haben mich schon immer fasziniert. Sie ermöglichen Ausflüge in die Köpfe anderer. Ich persönlich nutze sie außerdem in meiner Kunst, um Ereignisse festzuhalten, zu reflektieren und einzuordnen. Idealerweise können Geschichten damit zu Zufluchts- und Verständnisorten werden, sowohl für mich als auch andere.

Büke Schwarz (Autorin und Zeichnerin): „Jein“.
Jaja Verlag, Berlin 2020. 232 Seiten. 24 Euro

Und wo wir schon bei Elâ sind. Was kannst du uns über diese Figur verraten? Was treibt sie als Künstlerin an. Und wie viel Büke steckt in Elâ? Ist „Jein“ eine autobiografische Erzählung?
Meine Ähnlichkeit zur Protagonistin ist nicht zu übersehen. Dennoch ist „Jein“ keine Autobiografie und die Figur keine Eins-zu-Eins-Spiegelung meiner Person. „Jein“ enthält aber autobiografische Züge. Bestimmte Fakten, z. B. Elâs Beruf, erinnern an mich, sind jedoch auch dem Verlauf der Erzählung geschuldet. Für die Protagonistin hat Kunst einen wichtigen Stellenwert, um mit der Gesellschaft in Interaktion zu treten. Sie dient ihr aber nicht als Freifahrtsschein um jedwedes Handeln zu rechtfertigen. „Kunst darf nicht alles. Es gibt Grenzen“, würde sie sagen.

Der Ausgangspunkt von „Jein“ ist eine Gruppenausstellung mit dem titelgebenden Namen. Elâ hat ein Kunststipendium gewonnen und darf mit drei weiteren Preisträgern eine Gruppenausstellung auf die Beine stellen. Die vier Künstler*innen entscheiden sich für „Jein“ als Oberthema. Was genau steckt hinter diesem Begriff und welchen Bezug hat er auf Elâs Leben und Kunst?
Jein ist natürlich ein etwas schillernder Begriff. Heutzutage wird gerne so getan, als gäbe es immer genau eine richtige Antwort. Das hat mich schon öfter gestört. Klare Antworten sind häufig viel schwieriger, als man annimmt, besonders bei emotional hoch aufgeladenen Themen. Zum Beispiel hat in der Türkei die Familie oft einen extrem hohen Stellenwert. Auch Elâ wird davon, obwohl sie in Berlin wohnt, eingeholt. Eine solche Emotionalität macht eine klare Positionierung oder Abnabelung noch schwieriger. Aus künstlerischer Sicht steht der Begriff Jein in der Graphic Novel für die Frage nach einer Rolle, Verantwortung oder Pflicht von Künstler*innen in Zeiten politischer Umbrüche oder Veränderungen. Sollte man als Künstler*innen in solchen Phasen Stellung beziehen? Zu guter Letzt ist Jein ein Kofferwort aus den Worten Ja und Nein und spielt damit auf den Wahlzettel bei den Referendumswahlen in der Türkei 2017 an.

Warum hat dich als Autorin die Verweigerung von klaren Positionen, vor allem in der Kunst, als Thema interessiert?
Eine Kultur des Scheiterns ist bei uns nicht wirklich weit verbreitet. Trotzdem werden immer eindeutige Positionen zu fast allem gefordert. Jein verweigert sich dieser Ansicht. Mehr Mut Jein zu sagen.

Seite aus „Jein“ (Jaja Verlag)

Eine Schlüsselszene in „Jein“ ist sicherlich die lange Dialogpassage zwischen Elâ und Robert, einem der Künstler aus Elâs Gruppenausstellung. Robert ist zu der Biennale in Istanbul eingeladen worden und verteidigt vor Elâ seine Entscheidung, dort auszustellen. „Kunst hat nichts mit Moral zu tun.“ Diese Passage verweist auf die Debatten um die Istanbul-Biennale 2017. Wie hast du diesen Disput erlebt?
Die Kunstszene hat natürlich darüber diskutiert und ich habe die Argumente mit Interesse verfolgt. Gerade auch in Berlin, wo es eine große Künstlerszene und türkische Community gibt. Besonders die Punkte kulturelle Abschottung durch Boykott oder bewusste Teilnahme werden in „Jein“ angesprochen.

Wie politisch und moralisch hat für dich Kunst zu sein?
Ich finde, Kunst kann und darf alles, muss aber nicht. Meiner Meinung nach ist Kunst immer politisch, auch wenn es nicht unbedingt von den Künstler*innen so gewollt ist. Jeder, der sich in die Öffentlichkeit begibt, wird damit zum politischen Wesen, ob er will oder nicht.

Ein weiterer zentraler Aspekt ist die türkische Community in Berlin/Deutschland und die Kampagne der türkischen Regierung zur Verfassungsänderung 2017, deren knapper Ausgang vor allem durch die Türken im Ausland mitbestimmt wurde. Wie hast du selbst diese Zeit erlebt und wie empfindest du die politische Entwicklung in der Türkei in den letzten Jahren?
Als feststand, dass das Ja-Lager gewonnen hatte, war ich wütend, aber auch traurig. Ich konnte nicht fassen, was da passiert war. Ich empfinde die politische Entwicklung als Rückschritt und die politische Willkür Erdogans und die Einschüchterungsmethoden seiner Befürworter gegenüber Andersdenkenden als beängstigend.

Warum war es dir wichtig, über dieses Thema in deinem Debüt zu erzählen?
Einerseits war es eine Form der Verarbeitung. Andererseits habe ich es als Obligation gesehen, um diejenigen in der Türkei zu unterstützen, die nicht das Privileg haben, in einem Land zu leben, in dem die Meinungsfreiheit und unabhängiger Journalismus noch einen so hohen Stellenwert haben. Ich hatte einfach den starken Drang, etwas zu tun.

Seite aus „Jein“ (Jaja Verlag)

Elâs leiblicher Vater versucht, sie zu überreden, in der Türkei auszustellen. In einer Szene schickt er ihr Bilder von türkisch-folkloristischer Kunst. Ein Galerist aus Istanbul sagt ihr, sie könne in der Türkei was werden, wenn „sie sich an die Regeln hält“. Welche Kunst- und Kulturauffassung herrscht in der Türkei aktuell vor? Was sind die „Regeln“, an die man sich zu halten hat?
Politische Unsicherheit, Willkür und Repressionen sorgen, meiner Meinung nach, für eine schleichende Selbstzensur, die unter den Kulturschaffenden und Journalisten immer weiter zunimmt. Sowohl Meinungs- als auch Kunstfreiheit wird so immer weiter eingeschränkt. „Die Regeln“ kann ich hier leider nicht klar benennen, da mir die Taten und Bestrafungen sehr willkürlich erscheinen. Genau das ist für mich das Beängstigende und führt dazu, dass Kunst- und Kulturschaffende in der Türkei immer leiser werden.

Bereits beim ersten Treffen der vier jungen Künstler*innen fällt das Gespräch auf Elâs türkische Wurzeln. In der Berichterstattung über die Ausstellung spielt ihre Herkunft immer wieder eine Rolle und wird zu einem zentralen Aspekt im TV-Beitrag über die Schau. Ist das etwas, das du selbst auch erlebst? Wie gehst du mit dieser Art Rollenzuschreibung um?
Nicht wirklich. Mein Vorname wird selten mit der Türkei in Verbindung gebracht. Viele vermuten, Büke sei ein nordischer Name. Noch häufiger werde ich allerdings mit Herr Büke Schwarz angeschrieben, wenn man mich nicht persönlich kennt. Anscheinend also ein nordischer Männername… In der Berliner Kunstszene war meine Herkunft tollerweise nie ein großes Thema. Umso ärgerlicher empfand ich es, als mich das Thema durch die Entwicklungen in der Türkei quasi einholte. Seitdem schien plötzlich meine türkische Herkunft eine viel größere Rolle zu spielen. Sowohl in der deutsch-türkischen als auch in der Kunstszene und meinem privatem Umfeld schien es plötzlich wichtig zu sein, welche politische Einstellung ich gegenüber der Türkei habe.

Am Schluss steht Elâ vor der Wahl, ob sie in Istanbul oder New York ausstellt. Ihre Wahl wirkt offen. Was bedeutet Istanbul am Ende für Elâ? Und welches Verhältnis hast du zu der Stadt?
Ihr Entschluss wirkt auf den ersten Blick offen. Die Panels bieten sowohl Anhaltspunkte für New York als auch Istanbul. Ich möchte hier nicht zu viel spoilern und auch niemandem eine Interpretation aufzwingen. Eine wichtige Rolle spielt das Wort „Freidrehen“ aus Cluesos gleichnamigem Song. Das Ende bleibt interpretationsoffen, aber meiner Meinung nach positiv. Es geht um die Entwicklung der Protagonistin. Sie findet ihren Weg. Erst mal geht’s auf jeden Fall bergauf. Istanbul war für mich schon immer ein wenig losgelöst von der Türkei als ganzes Land. Ein Ort voll mit alten Geschichten, aber trotzdem modern und voller Hoffnung. Es gibt ein Sprichwort: Die Welt ist klein, aber Istanbul ist groß. Ich hoffe, dass die Worte bald wieder so gut zu Istanbul passen wie früher.

Seite aus „Jein“ (Jaja Verlag)