Comicpioniere, Zeichentrickfilm-Klassik und antifaschistische Cartoons

Bruno Bozzettos "Allegro non troppo" (© Koch Films)

„Katzenjammer Kauderwelsch. A Comic-Pionier-Story“ (D 2019, Martina Fluck)

Comiczeichner und -forscher Tim Eckhorst bereist die USA auf den Spuren der Brüder Rudolph und Gus Dirks. Rudolph sollte mit seinem im Dezember 1897 debütierenden Zeitungscomic „The Katzenjammer Kids“ Geschichte schreiben, Gus hingegen wurde sogar noch vom Club 27 abgewiesen: Seine Affäre mit Rudolphs Ehefrau setzte ihm moralisch dermaßen zu, dass er sich 1902 mit 23 Jahren das Leben nahm. Sein Disney ästhetisch vorwegnehmender Insekten-Comicstrip „Bugville“ droht mittlerweile vergessen zu werden und steht zu Unrecht im großen Schatten seines Bruders.

Regisseurin Martina Fluck inszeniert Tim Eckhorsts Expedition als Roadtrip eines Forschungsreisenden. Wir staunen mit ihm, wenn er den Anekdoten des 92-jährigen und ungebrochen leidenschaftlichen Comiczeichners Hy Eisman lauscht, der die Kids nach Rudolph Dirks Tod bis zu ihrer Einstellung 2006 fortsetzte und noch 2017 (!) regelmäßig an der Joe Kubert School of Cartoon and Graphic Art Unterricht gab. Der immer etwas ungläubige Blick, wenn Eckhorst zum ersten Mal all die historisch relevanten Orte sieht, die ihm, dem Biographen, bis dahin nur als Dokument bekannt waren – so sieht Leidenschaft aus! Im 64-seitigen Hardcover-Beiheft der bildhübschen DVD-Edition werden alle Gesprächspartner*innen ausführlich gewürdigt. Der Film ist kein Fakten sortierendes Dirks-Dokument, sondern ein herantastendes Denkmal, wie es vermutlich, schließlich wird das Thema mit jedem Jahr randständiger, nie wieder folgen wird. Jedes Detail verrät Hingabe und die gilt auch für den Distributionsweg: Die DVD kann direkt bei der Regisseurin bestellt werden.

„Batman & Bill“ (USA 2017, Don Argott und Sheena M. Joyce)

Eine Hulu-Dokumentation (New KSM), die keine Rezeptionsabweichung duldet und dem Publikum noch die letzte eigene Regung mittels Tourette-Schnitt und Musikorchestrierung in Endlosschleife austreiben will. In der Ruhe läge Erkenntnis. Die Interviewten sind nur dazu da, um Archivaufnahmen und Animationen zusammenzuhalten. Falsches Verhältnis. Die Story bleibt trotzdem aufrüttelnd und unglaublich, weil sie die Pfeiler jedes Kanons infrage stellt. Es ist die Geschichte von Bill Finger, für dessen Anerkennung sich der US-amerikanische Autor Marc Tyler Nobleman auf eine jahrelange Mission begab. Finger ist, das wissen wir heute, der Mit-Urheber von Batman, er entwickelte den Fledermaus-Look, praktisch alle relevanten Antagonisten, Konzepte und Hintergrundgeschichten und schrieb vom ersten Auftritt bis in die 1960er die wichtigsten Batman-Abenteuer. Aber im Gegensatz zu Zeichner Bob Kane, der sich als das strahlende Gesicht hinter dem Franchise für Jahrzehnte in Szene setzte, starb Finger Mitte der 1970er verarmt und allein in seiner kleinen Wohnung in Manhattan.

Der Film dokumentiert all die Skrupellosigkeiten Kanes und des DC Verlags, um Fingers Autorenschaft zu unterschlagen und zu bagatellisieren, und es ist auch den jahrelangen Recherchen Noblemans zu verdanken, dass Finger seit 2016 in Batman-Publikationen, -Filmen und -Spielen neben Kane kreditiert wird. Fingers Enkelin Athena, von Nobleman ausfindig gemacht und Hauptfigur des letzten Doku-Drittels, wagte den Prozess gegen Warner und gewann. Die familiären Zerwürfnisse, die es vor diesem Schritt zu ertragen galt, wird man nur schwer schlucken können. Leider auch Noblemans fröhliche Eitelkeit. Mehrmals betont er (und im Zweifel müssen eben Montage und seine Frau dem beipflichten) Parallelen zwischen sich und Batman: Kampf für Gerechtigkeit, niemals ruhen, schon als Kind gerechtigkeitssinnig, Sie wissen schon – der Film ist ein Beitrag zur Nachhaltigkeitsinformation, dass Nobleman dieses Erin-Brockovich-Wunder möglich gemacht hat. Thematischer Interessenkonflikt.

„Flash Gordon“ (GB 1980, Mike Hodges)

Man muss sich Produzentenmogul Dino De Laurentiis als trotzigen Zampano vorstellen. Anders lässt sich David Lynchs febriles „Dune“-Debakel nicht erklären. Nicolas Roeg nach „Performance“, „Walkabout“, „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ und „Der Mann, der vom Himmel fiel“ auf „Flash Gordon“ anzusetzen, war eine ähnlich irrwitzige Idee. Am Ende musste Roeg Mike Hodges weichen, der zuvor durch linke Genrefilme auffiel und in einem Interview sagt, dass er seine Besetzung für die Regie eigentlich bis heute nicht so recht begreift. Hodges stand nicht der Sinn nach Flash Gordon. Aus der Comicvorlage wurde ein herzlicher, merkwürdig elliptischer Discofilm, keine ernste Heldenoper, wie sie De Laurentiis vorschwebte.

Die vielen Extras der 4-Disc-Ausgabe (StudioCanal) geben tiefe Einblicke in megalomanische Produktionsabläufe. Eigens engagierte Maler entwerfen in wochenlanger einsamer Arbeit riesige Wolkengemälde und niemand fragt, wofür eigentlich. Letztlich wurden sie auch nicht eingesetzt. Toll! Wie sich die Beteiligten bei einem Wiedersehen auf einer Con-Bühne die Bälle zuspielen, ist sehr rührend. Auch dabei: die spielfilmlange Dokumentation „Life after Flash“, die Sam J. Jones‘ Niedergang aufrollt, der sich den Ruhm zu Kopf steigen ließ, bevor er überhaupt begann. Heute arbeitet Flash Gordon bei einer Security-Firma in Mexiko. Sein Motto: „Einmal Marine, immer Marine, das habe ich gelernt.“ Ja nun…

 

„Walhalla“ (DK 1986, Peter Madsen und Jeffrey J. Varab)

Die Ultimate Edition des skandinavischen Fantasyfilms „Walhalla“ (Koch Films) entpuppt sich als Überraschung für Zeichentrickfilm-Interessierte, enthält sie doch als Bonusmaterial den 1986 erschienen dänischen Zeichentrickfilm „Walhalla“ auf Blu-ray (die alte DVD-Ausgabe von Starlight war qualitativ unsäglich und ist heute so teuer wie diese Edition) nebst üppigen Extras.

Peter Madsens Adaption seiner eigenen Comicreihe ist nur leidlich gelungen. Man spürt das Bemühen, den Disney-Figuren in den Kinderzimmern ein europäisches Pendant zur Seite zu stellen, aber das Missverhältnis von Komik und Drama steht dauernd im Weg. Zwergriese Quark, „das lustigste Knuddelmonster der Welt“, nervt wie der besoffene Onkel im 80er-Partykeller mit Alki-Sitzfleisch. Das zeigen auch die im Bonus enthaltenen Folgen der ihm gewidmeten Fernsehserie: Die witzigen Anlässe sind merkwürdig verdreht, wenn Bewegung, Timing und Ton der Ausgangspointe überhaupt nichts hinzufügen, man beispielsweise sehr redundant den Lacher auswalzt, dass Quark eben gegen Dinge läuft. Weil im Scheitern aber oft Schönheit steckt, ist diese Veröffentlichung trotzdem bemerkenswert. Audiokommentare, Making of, Soundtrack-CD, das Booklet mit einem Interview mit Peter Madsen und ein 104-seitiges Hardcover-Buch mit Madsens Comicvorlage bieten viele Möglichkeiten zur Kontextualisierung.

„Cartoons ziehen in den Krieg“ (USA 1995, Sharon K. Baker)

„Cartoons ziehen in den Krieg“ (CMV / AL!VE) gegen Nazideutschland, das war einmal, heute hingegen zieht’s hierzulande Spiegel-Redakteure in die Wohnzimmer der Nazis. So ändern sich die Paradigmen, Aufklärung durch Händchenhalten. Aber das vermeintlich antifaschistische Engagement der US-Filmstudios während des Zweiten Weltkriegs folgte natürlich auch einem staatstragenden Kalkül, die Gesellschaft sollte ideologisch fit für Entbehrungen und Kriegsbegeisterung gemacht werden, auch über den Krieg hinaus. Der Schritt zu konträren, dann antikommunistischen Propagandaproduktionen im Kalten Krieg vollzog sich nahtlos, und es waren u. a. Artefakte wie diese, die Adorno und Horkheimer den Stoff zu ihrem Kulturindustrie-Kapitel in der 1944 veröffentlichten „Dialektik der Aufklärung“ lieferten.

Die 45-minütige Dokumentation führt viele einstige Zeichner, Filmwissenschaftler*innen und -historiker*innen auf, bietet aber höchstens etwas Rezeptionsforschung und historische Einblicke in die Zeichentrickfilmproduktion jener Zeit. Filmhistorisch bedeutend ist das Bonusmaterial, sieben 1942 und 1943 entstandene Kurzfilme, die die Dokumentation sinnvoll ergänzen. Herausragend ist die Warner-Produktion „The Ducktators“, in der eine „Sieg Heil“ schreiende Hitler-Ente aus einem Ei schlüpft und sodann auf einem Bauernhof mit Mussolini und Hirohito (ebenfalls Enten) die Macht an sich reißt.

Die Welt des Bruno Bozzetto

In den 60ern und 70ern war Bruno Bozzetto der wichtigste europäische Animationsfilmkünstler. Inspiriert von Disney, aber der Tradition des Zagreb-Stils folgend, wurde er mit der Figur „Signor Rossi“ weltberühmt. Sein erster abendfüllender Animationsfilm, die Western-Parodie „West & Soda“, erschien 1965, zu einer Zeit, da lange Animationsfilme außerhalb der Disney-Studios ein absolutes Novum waren. 1968 folgte „Vip – Mein Bruder, der Supermann“, der schon früh die Superhelden-Mythologie nasführte und mit viel Sozialkritik verknüpfte (was Bozzetto 2019 im späten Graphic-Novel-Sequel „Minivip und Supervip“ aktualisierte), und 1976 sein Meisterwerk „Allegro non troppo“, die Antithese zu Disneys „Fantasia“, ein musikalisches Zeichentraktat voller Zivilisations- und Kapitalismuskritik (der Anfang allen Lebens beginnt mit einem Tropfen Cola). Klimawandel, Umweltverschmutzung, die Destruktivität des Menschen, soziale und ökonomische Ausbeutung – was Bozzetto hier thematisch abfackelt, ist über die Jahre noch eindringlicher geworden. Spricht für den Film, nicht für die Fortschrittsfähigkeit des Menschen.

Koch Films hat alle drei Filme in einer wunderschönen quadratischen Box versammelt, ein von Filmhistoriker Rolf Giesen verfasstes 28-seitiges Beiheft dazugelegt, drei Making ofs, zwei Dokumentationen über und 29 (!) Kurzfilme von Bozzetto aufgetrieben, die Filme überdies restauriert und damit die weltweit definitive (und absurd günstige) Eherweisung an Bruno Bozzetto vorgelegt.

Sven Jachmann ist Comic.de- und Splitter-Redakteur und Herausgeber des Filmmagazins filmgazette.de, schreibt für KONKRET, Tagesspiegel und Junge Welt. Beiträge u. a. in Neues Deutschland, Taz, TITANIC, Jungle World, Der Schnitt, Pony, Das Viertel, Testcard, kino-zeit.de sowie für zahlreiche Buch- und Comicpublikationen und DVD-Mediabooks.