Kinderfresser, Kernkraftnerds und Körperwelten

Die Creepshow ruft grimmige EC-Zeiten in Erinnerung, Tom Gauld lacht mit der Wissenschaft, und Richard Corben ist beeindruckender denn je. Eindrucksvolle, liebenswerte, diskutable Phantastik-Comics der letzten Monate.

Chris Burnham, David Lapham u. a.: Creepshow Band 1

Stephen Kings und Bernie Wrightsons „Creepshow“-Comic, der 1982 parallel zum Film von George A. Romero entstand, war ein kleines Horror-Meisterstück, das den Geist der EC Comics wiederbelebte (und Romeros Werk ein eindrückliches Beispiel für den Versuch, der Sprache des Comics mit filmischen Äquivalenten zu begegnen). Es folgten zwei von bemüht bis völlig missraten changierende Sequels; der alte Klepper schien am Ende. Erst die 2019 gestartete, bei vier Staffeln angelangte TV-Serie trat den Beweis an, dass ein Anthologie-Konzept mit viel „Tales from the Crypt“-Stimmung auch in diesem Jahrzehnt noch funktioniert. Die Comic-Reihe, deren erster Band jetzt erschienen ist, fungiert als Begleitpublikation zur TV-Serie. Da die Beiträge nicht mehr wie bei Wrightson und King aus einer Hand stammen, sind Qualitätssprünge unvermeidlich, aber das war schließlich bei den EC-Originalen auch nicht anders, deren Griesgrämigkeit man sich wieder angenähert hat. Rau und zynisch sind die Geschichten, grausam die Bilder, garstig die Pointen, gefährlich die Schauplätze: Vom Kindergeburtstag bis zur Wrestling-Arena weiß man hier ab der ersten Seite jeder Story, dass die Moral mit einem blutverkrusteten Holzhammer der Klimax zuarbeitet. Das hat so viel Humor und Esprit, als hätte das Grand Guignol einen Comicverlag gegründet.

Chris Burnham, David Lapham u. a.: Creepshow Band 1 • Splitter Verlag, Bielefeld 2025 • Hardcover • 128 Seiten • 29,80 Euro

Tom Gauld: Physik für die Katz

Tom Gaulds Themenfelder sind der Wissenschafts- und Literaturbetrieb. Und die persifliert, karikiert, seziert und kommentiert er wie kein Zweiter. Seine Strips – mal klassische Sequenzen aus mehreren Panels, mal einzelne Bilder, manchmal auch Spielereien mit Piktogrammen, Datenvisualisierungen, Fragebögen usw. – erscheinen seit 20 Jahren im Guardian, seit zehn im New Scientist und glücklicherweise auch regelmäßig gesammelt in Buchform, für deren deutsche Übersetzung die Edition Moderne verantwortlich zeichnet. „Physik für die Katz“ ist nun der vierte dieser Sammelbände – es werden nie genug sein. Zu beeindruckend sind die smarten, lakonischen Gags angesichts dieser enormen Produktivität, zu genial sind die Bildideen, die sich, getragen von einem perfektionierten reduktionistischen Stil, mitunter nur aus der leichten Nuance eines Strichs ergeben. Bei Tom Gauld lernt man wieder, dass ein schwarzes Oval genügen kann, etwa angebracht auf einem quadratischen Riesencomputer, um einen strengen Blick zu evozieren. Sofort versteht man die Sorgen der beiden Wissenschaftler, die sich ihm im Lichtkegel seines Auges nähern: „Bitten wir den Supercomputer um Hilfe bei der Lösung der Klimakrise, aber mit einer Formulierung, die nicht so klingt, als seien nur wir schuld.“ Ein paar Gags würden auch ohne visuelle Unterstützung funktionieren, aber da steckt eben in der Pointe bereits das ganze menschliche Dilemma. Mein liebster: Gespräch zweier Wissenschaftler: „Wie läuft’s mit der Maschine?“ „Wir haben einige äußerst überraschende Ergebnisse erzielt, die kreative Lösungen erforderten und neue Forschungsgebiete erschlossen haben. Die Möglichkeiten für Verbesserungen sind faszinierend und wir freuen uns sehr darauf, neue Versionen zu entwickeln.“ „Einfacher ausgedrückt heißt das…?“ „Ein Reinfall.“

Tom Gauld: Physik für die Katz • Edition Moderne, Zürich 2025 • 160 Seiten • Hardcover • 22,00 Euro

Taiyo Matsumoto: Tokyo dieser Tage Band 2

In seiner dreibändigen Serie „Tokyo dieser Tage“, just erschien der zweite Band, erzählt Comiczeichner Taiyo Matsumoto mit Elementen des Magischen Realismus von den Mechanismen der Manga-Industrie. Der Protagonist Kazuo Shiozawa, der nach drei Jahrzehnten plötzlich seinen Job als allseits geschätzter Verlagsredakteur kündigt, kann sich beispielsweise mit seinem Kanarienvogel und einer toten Mangazeichnerin auf deren Beerdigung unterhalten. Das erlöst einerseits davon, schnell staksig klingende innere Monologe auf Authentizität zu bürsten, und zeigt andererseits, wie hart der anstrengende Arbeitsalltag die Gefühle der Leidtragenden im Zangengriff hält. Der Plot zeigt die andere Seite des Comicbetriebs: Burn-out, Zeit- und Erfolgsdruck, Schaffenskrisen, geplatzte Träume, kreative Leere. Schon zu Beginn addiert Shiozawa im Zug die jahrelangen täglichen Fahrzeiten auf dem Weg zur Arbeit: 230 Tage. Allerlei Figuren kämpfen mit schweren Nöten: die verzweifelte Redakteurin, die von ihrem Zeichner nicht akzeptiert wird; der Youngster, der mit seinen Ideen hadert und sich wie ein Rockstar aufführt; der arrivierte alte Zeichner, der seine eigene Bequemlichkeit eigentlich verabscheut; der vergessene Altstar, der wegen unzumutbarer kreativer Vorgaben den Beruf aufgegeben hat und nun als Hausmeister arbeitet. Ihnen allen begegnet Shiozawa in den ersten Tagen nach seiner Kündigung, weil da zugleich eine vergessene, aber tiefsitzende Leidenschaft brodelt – oder ist es romantische Amtspflicht? –, die sie auf professionelle Weise verbindet. Shiozawa hält den Bruch mit der Branche nicht lange durch: Den Verkauf seiner Manga-Sammlung stoppt er in letzter Sekunde, und die Abfindung will er in ein letztes, selbst verlegtes Werk, „den perfekten Manga“ investieren, wofür er noch mal alle Kontakte spielen lässt. Ob ihm das gelingen wird, ist der Spannungsbogen, der die weiteren beiden Bände bestimmt.

Taiyo Matsumoto: Tokyo dieser Tage Band 2 • Reprodukt, Berlin 2025 • 240 Seiten • Hardcover • 20,00 Euro

Richard Corben: Den 2 – Sturm über Muvovum

Das nennt man Glück: Diese Edition wurde wegen Problemen mit dem Lizenzgeber monatelang verschoben und war eigentlich schon über der Kippe. Dass sie nun doch veröffentlicht wurde, darf man als Indiz einer Weiterführung der Reihe verstehen. Der zweite „Den“-Band ist keine typische Fortsetzung, Vorwissen ist nicht vonnöten. Richard Corben bereiste die alten surrealistischen Fantasy-Welten mit neuem Rüstzeug und hatte seinen revolutionären Zeichenstil perfektioniert. Die Hyperplastizität der komplexen Farbgebung, an der er andauernd mit völligen neuartigen Methoden herumexperimentierte, trifft auf die Hypersexualisierung der menschlichen Figuren, deren übertriebenen Proportionen unweigerlich zu einer satirischen Lesart führen. Die Begeisterung für Howard und Lovecraft steckt unübersehbar in den atmosphärischen Settings, aber auch das So-what-Ethos des Underground im LSD-Rausch, ein galliger Gestus, der den puristischen bierernsten Strang der Fantasy zum Lächeln zwingt und ihr den Flirt mit faschistoiden Weltbildern madig macht. Heutige MAGA-Maskulinisten würden sich an dem Konzept von trotteliger Männlichkeit im Panzerkörper, das Corben vorführt, die gebleachten Grillfleisch-Zähne ausbeißen. Wie schon der Vorgänger enthält auch dieser Band gleich vier Vor- und Nachworte sowie eine Galerie mit Illustrationen und Covern. So und nicht anders pflegt man die Geschichte des Mediums.

Richard Corben: Den 2 – Sturm über Muvovum • Splitter Verlag, Bielefeld 2025 • 128 Seiten • Hardcover • 29,80 Euro

Alan Moore, Curt Swan u. a.: Superman – Was wurde aus dem Mann von Morgen?

Eine wichtige Neuauflage aus dem Superhelden-Sektor: Panini hat den Sammelband „Superman – Was wurde aus dem Mann von Morgen“ mit allen Storys, die Alan Moore in den 80ern für das Franchise geschrieben hat, erneut herausgebracht. Die drei Geschichten – neben dem Zweiteiler des Titels wären da noch das Swamp-Thing-Crossover „Die Grenze des Dschungels“ und die Gibbons-Zusammenarbeit „Das Geschenk“ – eint die sanfte Elegie, mit der Moore die Superman-Figur auf ihre menschlichen Bedürfnisse herunterrechnet, nicht ohne dezente Ironie. Die Ausnahmesituationen – Superman wird enttarnt und stellt sich auf den Tod ein bzw. verliert seine Superkräfte und seinen identitären Halt bzw. wird von einem Symbiont quasi unter Drogen gesetzt und träumt von einem gesetzten Familienleben auf seinem Heimatplaneten – lösen stets existenzielle Krisen aus, denen mit Superkräften allein nicht mehr beizukommen ist. Für die begrenzte Seitenzahl sind diese Versuche weiterhin inspirierende Beispiele der Figurenpsychologie. Die Titelstory setzte das Ende für eine noch unschuldige Ära und leitete das „Man of Steel“-Reboot ein – daher verdankt sich ihre Tragik. Sogar Krypto, Supermans Hund, muss dran glauben.

Alan Moore, Curt Swan u. a.: Superman – Was wurde aus dem Mann von Morgen? • Panini, Stuttgart 2025 • 128 Seiten • Softcover • 17,00 Euro

Calle Claus, Christopher Tauber: Die drei ??? – Phantom Highway

Dies ist die sechste Graphic Novel aus der „Drei ???“-Reihe des Kosmos Verlags mit exklusiven Storys, die auf keiner Hörspiel- oder Literaturvorlage basieren. Für Szenarist Christopher Tauber und Comiczeichner Calle Claus ist es bereits die vierte Zusammenarbeit, und sie erweisen sich als bestens eingespieltes Team. Erneut ist ihnen ein hervorragender Jugendcomic gelungen, auf ihrer Gratwanderung zwischen Fanservice und popkulturellem Referenzspiel führen sie souverän Musik-, Film-, Videospiel- und SF-Geschichte zusammen. Eigentlich sollen die drei Detektive für Justus‘ Onkel alte Arcade-Automaten aus dem menschenleeren Wüstenort Zeus abholen. Aber der Regen zwingt sie zu einer Übernachtung im verwaisten Motel, in dem die Spieleautomaten stehen. Dass der Ort vor einigen Jahren wegen Ufo-Sichtungen Schlagzeilen machte und überdies eine merkwürdige Gestalt im angrenzenden, verlassenen Planetarium ihr Unwesen treibt, wo man zudem eine ominöse Musik-Lasershow entdeckt, ist die Grundlage eines gewitzten Kriminalfalls, für den man sich vor allem durch Motive aus Leroux‘ „Phantom der Oper“, mehr noch aus Brian De Palmas Musical-Groteske „Phantom of the Paradise“ pflügt. Ein charmantes Comic-Beispiel der Pixar-Methode.

Calle Claus, Christopher Tauber: Die drei ??? – Phantom Highway • Kosmos, Stuttgart 2025 • 128 Seiten • Softcover • 18,00 Euro

Bill Sienkiewicz, Frank Miller: Elektra Collection

„Watchmen“, „The Dark Knight Returns“, „Elektra Assassin“ – 1986 war der beste Jahrgang für Superhelden-Comics. Kaum zu glauben, dass Frank Millers und Bill Sienkiewicz‘ „Elektra“-Run auf Deutsch zuletzt vor fast 20 Jahren erschienen ist, angesichts heutiger Transmediationen aller erdenklicher Übermenschen-Stoffe für Groß und Klein. Aber endlich serviert Panini eine bildhübsche Gesamtausgabe, die dieses Klassikers würdig ist. 1981 erfand Miller Elektra für den „Daredevil“-Kosmos – eine Ninja und Auftragskillerin und eigentlich tragische Nebenfigur, die durch den Tod ihres Vaters, der als griechischer Botschafter bei einer Geiselnahme ums Leben kam, vom moralischen Kurs abgekommen ist. In „Elektra Assassin“ kämpft sie, ummantelt von Kalte-Kriegs-Ängsten und düsterstem Noir-Pessimismus, gegen den abnormen Feind „The Beast“, der die Welt ins nukleare Armageddon zu reißen droht, und durfte nie wieder so enigmatisch glänzen. Miller befand sich auf dem kreativen Höhepunkt, und Sienkiewicz‘ direkt kolorierter Zeichenstil war von solch aufregender Kunstfertigkeit, wie sie dem heutigen Zeitdruck der Industrie gar nicht mehr standhalten könnte. 1990 folgte mit Lynn Varley „Elektra lebt“ und konnte mit dem vorherigen Meisterwerk natürlich nicht mithalten. Nichts als Freude, dass die perfekte Edition diesen Vergleich zulässt, es ist ja alles da.

Bill Sienkiewicz, Frank Miller: Elektra Collection • Panini, Stuttgart 2025 • Hardcover • 400 Seiten • 75,00 Euro

Luc & Francois Schuiten: Hohle Welten – Panzerung

Francois Schuitens und Benoît Peeters‘ „Geheimnisvollen Städte“ sollte man eigentlich täglich besuchen. Kann man auch, sie liegen bei Schreiber & Leser vollständig und in vorbildlicher Aufmachung vor. Bleibt noch Schuitens Frühwerk zu erschließen. Das ist noch nicht von Fragen des Raums und architektonischen Entwürfen ganzer Parallelwelten bestimmt, zeugt aber schon eindrucksvoll vom Gespür für allegorisch aufgeladene, groteske Szenarien. Geschrieben wurden die Kurzgeschichten noch von Schuitens Bruder Luc und erschienen von 1977 bis 1982 im legendären Talentebrunnen Métal hurlant. Die unter „Hohle Welten“ rubrizierten Storys, die in drei Alben erscheinen werden, sind über die Settings locker miteinander verbunden und insofern ein erster Schritt zur epischen Verweisstruktur des späteren „Städte“-Zyklus. Nicht nur die ausgereifte Ästhetik (Schuiten war da kaum älter als zwanzig) überrascht: Wie sich über den mal dystopischen, mindestens zivilisationskritischen Kern ein sanfter schwarzer Humor legt, der vieles Max Ernst verdankt, ist die reinste Wundertüte, die den großen Durchbruch in den 80ern schon ankündigt.

Luc & Francois Schuiten: Hohle Welten – Panzerung • Schreiber & Leser, Hamburg 2025 • 72 Seiten • Hardcover • 22,80 Euro

D. D. Batian, Sergio Vanello: H. P. Lovecraft: Die Musik des Erich Zann

Nach „Das Grab“ der zweite Band einer dreiteiligen italienischen Comic-Sammlung mit adaptierten Kurzgeschichten Lovecrafts. Enthalten sind neben der Titel-Story noch „Das Bild im Haus“ sowie eine sich als Hommage verstehende Eigenkreation Sergio Vanellos, die heillos esoterisch geraten ist und mit ihrer plakativen Frauenmörder-Thematik auch keine Verbindung zu Lovecrafts Arbeiten aufweist. Beeindruckender sind dafür die anderen beiden Storys, die das Künstler-Duo zu einem stimmungsvoll aquarellierten Albtraum verdichtet. Zu dem Eindruck mag beisteuern, dass man auf der Textebene nicht von Lovecrafts Prosa abweicht. „Berge des Wahnsinns“ in diesem Look – ein kosmischer Traum.

D. D. Bastian, Sergio Vanello: H. P. Lovecraft: Die Musik des Erich Zann und weitere Geschichten • Splitter Verlag, Bielefeld 2025 • 104 Seiten • Hardcover • 19,80 Euro

Diese Beiträge erschienen zuerst in der monatlichen Comic-Kolumne auf: DieZukunft.de

Sven Jachmann schreibt als freier Autor über Comic, Film und Literatur, ist Herausgeber und Chefredakteur der Magazine Comic.de und Filmgazette.de sowie Redakteur beim Splitter Verlag. Seit 2006 Beiträge u. a. in Konkret, Tagesspiegel, ND, Taz, Jungle World, Titanic, diezukunft.de, Testcard, kino-zeit.de, Das Viertel und vielen dahingeschiedenen Magazinen. Essays für zahlreiche Comic-Editionen und DVD-Mediabooks.