Rollende Dörfer, rasende Bären und reisende Männer

Mathieu Bablet meldet sich mit wuchtiger Science Fiction zurück, Patrick Horvath debütiert mit einer etwas anderen Serienkiller-Geschichte, und Thilo Krapp hat „Die Zeitmaschine“ von H. G. Wells adaptiert. Eindrucksvolle, liebenswerte, diskutable Phantastik-Comics der letzten Monate.

Mathieu Bablet: Silent Jenny

„Silent Jenny“ ist bereits der dritte vom Splitter Verlag ins Deutsche übersetzte SF-Brocken des gerade mal 39-jährigen Franzosen Mathieu Bablet, und erneut sind es nicht nur der Umfang und die eigenständige Ästhetik, an denen sich die hohen Ambitionen des Künstlers zeigen. So mag es sich in den 70ern angefühlt haben, als die junge Garde in „Métal Hurlant“ den saturierten Betrieb aufmischen und dem Genre mehr abverlangen wollte als aufs Albumformat beschränkte Abenteuererzählungen für die Sehgewohnheiten eines jugendlichen Publikums. Auch aus dem heute immer mehr unter Druck stehenden französischen Publikumsmarkt, der kaum noch Experimente zulässt, stechen Bablets Werke hervor wie Kubricks Monolith – und werden von Leser*innen in sechsstelliger Zahl goutiert. Es müssen wohl doch nicht immer Konzeptserien sein. Für Bablet ist die Science Fiction ein Instrument zur Gegenwartsdiagnose: Rassismus und Xenophobie in „Shangri-La“, Künstliche Intelligenz in „Carbon und Silizium“ und nun Klimawandel und der tödliche Kapitalismus in „Silent Jenny“.

Nicht dass Bablet sein Herz auf der Zunge trüge: Die Themen schälen sich langsam heraus (aber subkutan scheint es überall zu brodeln), die Motivation der Figuren ergibt sich manchmal allein aus ihrer Konstellation (weswegen man ihre Dialoge gewissermaßen nur beobachtet und erst später versteht), und die Ordnungen dieser Welten zeigen immer dann die Zähne, wenn sich ihre Funktionen als reine Autopoiesis erweisen (warum noch in jedem Bablet-Comic kafkaeske Situationen auftreten). Auch in „Silent Jenny“ führen ausgedörrte Farben durch eine sterbende Welt. Kunstvoll stilisierte Figuren fliehen in monströsen motorisierten Dörfern vor der Hitze der Sonne und den Überresten einer Zivilisation, die ihnen diese Freiheit im Elend nicht überlassen will. Die Gemeinschaften in diesen ständig in Bewegung gehaltenen deformierten Riesen versuchen sich zwar an anderen Gesellschaftsformen, aber das will der Nachwuchs nicht immer verstehen, zumal die Brutalität in diesen postapokalyptischen Wüsten immer wieder zu archaischem Verhalten zwingt. Großunternehmen vergeben Aufträge zur lebensbedrohlichen Suche nach Bienen-DNA im verseuchten Innern der Erde, aber an einen solchen Glücksfall scheint schon deshalb niemand mehr zu glauben, weil er die Routine der Verwaltung auf den Prüfstand stellen würde. Auf diesen Grundlagen entwirft Bablet ein ausfransendes Science-Fiction-Ungetüm, dessen Zukunftsvision auf sehr gegenwärtigen Problemen fußt.

Mathieu Bablet: Silent Jenny • Splitter Verlag, Bielefeld 2026 • 312 Seiten • Hardcover • 49,80 Euro

Patrick Horvath: Beneath the Trees – Wo niemand dich sieht Band 1

„A Portrait of a Serial Killer“ lieferte schon 1986 John McNaughtons Bravourstück „Henry“, das mit dokumentarischer Strenge dem titelgebenden Serienmörder so verstörend nahe kam, wie es keiner True-Crime-Doku jemals gelingen wird. Aber das sind die Gesetze des Films. Im Comic gibt es weitere Konventionen, mit deren Hilfe die Betulichkeit einer scheinbar harmlosen Welt auf die Probe gestellt werden kann. Der US-amerikanische Comiczeichner Patrick Horvath setzt in seinem Debüt, das bereits für einen Eisner- und Bram-Stoker-Award nominiert war und einen Harvey-Award erhalten hat, auf die basics: knuddelige Tierfiguren in einer herrlich aquarellierten Kleinstadt. Unter denen sich jedoch eine freundlich und hilfsbereit auftretende Bärin befindet, die sich regelmäßig in die Nachbarstädte aufmacht, um neue Opfer für ihre ausgesprochene Blutrunst zu finden. Und wie schon McNaughton hält sich auch Horvath weder in puncto Drastik noch bei der Ausstaffierung des ansonsten gänzlich harmlosen und unauffälligen Alltags seiner Hauptfigur bedeckt, um die Grenzen zwischen Normalität und Devianz einzureißen. Dass der Comic im Erscheinungsjahr von „Henry“ spielt und außerdem eine zweite Serienkillerfigur auftreten lässt, deren Hemmungslosigkeit das geordnete System der Hauptfigur gefährdet, darf man als Referenz verstehen, auf wessen riesige Schultern wir hier durchs Schlachterwunderland geführt werden.

Patrick Horvath: Beneath the Trees – Wo niemand dich sieht Band 1 • Panini, Stuttgart 2026 • 152 Seiten • Hardcover • 29,00 Euro

Thilo Krapp: Die Zeitmaschine

Der Berliner Comiczeichner Thilo Krapp hat mit „20.000 Meilen unter dem Meer“ und „Der Krieg der Welten“ bereits zwei Klassiker der SF-Literatur adaptiert. In seiner nun erschienenen zweiten Wells-Bearbeitung „Die Zeitmaschine“ verweist er sogar in einem kurzen Zeitreise-Zwischenstopp auf die Invasion der Marsianer – nicht das einzige tragische Element, mit dem Krapp den alten Stoff aufmöbelt. Bei ihm wird Wells‘ namenloser Protagonist nicht nur zu Henry, sondern erhält auch eine über wissenschaftlichen Ehrgeiz hinausgehende Motivation. Denn eigentlich ist es ein gebrochenes Herz, weswegen Henry zunächst wenige Wochen in die Vergangenheit und ein paar Jahre in die Zukunft reist – in der vergeblichen Hoffnung, die Entscheidung seines Geliebten, eine Frau zu heiraten, um eine Kanzlei zu leiten, noch mal abzuwenden. Als schwule Figur ist Henry von den Restriktionen des viktorianischen Englands noch weitaus härter betroffen, und Krapp legt viel Wert darauf, diesen historisch-gesellschaftlichen Kontext herauszuarbeiten, indem er beispielsweise Oscar Wildes physische wie psychische Marter im Zuchthaus, von der sich dieser nie wieder erholen sollte, erwähnt oder Henrys Beklemmung vor den versammelten Wissenschaftskollegen raffiniert akzentuiert. Auch die schon bei Wells angelegte Überwindung der Geschlechterrollen in der Gesellschaft der Eloi erhält im Comic hie und da eine utopistischere Anmutung, die Wells noch der Kritik der Klassenverhältnisse untergeordnet hatte. Die bleibt auch bei Krapp erhalten, doch hört er einfach etwas genauer auf Wells‘ Ambivalenzen. Nicht nur von Krapps Klassiker-Adaptionen ist dies die beste – es ist genau dieser in gleichen Teilen freie wie demütige Umgang mit dem Kanon, an dem sich beweist, wie viel uns diese Werke immer noch zu erzählen haben.

Thilo Krapp: Die Zeitmaschine • Carlsen, Hamburg 2026 • Hardcover • 192 Seiten • 25,00 Euro

Philippe Bihouix, Vincent Perriot: Ressourcen

Mit „Negalyod“ hatte Vincent Perriot bereits 2019 einen SF-Comic veröffentlicht, in dem der Klimawandel und Ressourcenverteilung zumindest das Hintergrundrauschen bilden. Die Begeisterung für die technologischen Zukunftsbilder des Genres führte ihn zu dem Ingenieur Philippe Bihouix, der mehrere Bücher über nichterneuerbare Rohstoffe und ressourcenschonende Technologien geschrieben hat. Nun haben die beiden sich für diesen Sachcomic zusammengetan, dem optisch Perriots Genre-Kennerschaft sichtlich gutgetan hat: gigantische Raumstationen, Städte der Zukunft, fliegende Autos – der Sachlichkeit des Zwiegesprächs der beiden versucht er in pittoresken Zeichnungen die Genre-Ikonographie entgegenzusetzen, die der bitteren Faktizität natürlich kaum standhält, daran kann weder systemischer Wachstumswahn noch manisches Vertrauen in den technologischen Fortschritt etwas ändern. Dabei springen Perriot und Bihouix behände durch die Zeiten und Epochen, zitieren viel prominentes Personal und müssen sich allenfalls den Vorwurf gefallen lassen, dass ihre positivistischen Befunde soziale, gesellschaftliche und politische Faktoren nahezu unterschlagen. Welche Rolle der Kapitalismus allein bei der heutigen ökologischen Katastrophe spielt, aus der ein regelrechter Leugnungsfaschismus hervorgegangen ist, will man offensichtlich lieber nicht allzu deutlich ansprechen, und somit besitzt ihre Gegenwartsanalyse eklatante Leerstellen.

Philippe Bihouix, Vincent Perriot: Ressourcen. Eine Herausforderung für die Menschheit • Carlsen, Hamburg 2026 • 176 Seiten • Hardcover • 30,00 Euro

Nora Borkenhagen: Bo und der erste Biss

Das Debüt der Hamburger Comiczeichnerin Nora Borkenhagen ist herzallerliebst: In ihrer Vampirgeschichte „Bo und der erste Biss“ erzählt sie vom Anderssein, vom Versuch, sich nicht von den Erwachsenen verbiegen zu lassen. Bo wird bald 100, und die Vampirtradition verlangt, dass damit auch der erste Biss ansteht. Allerdings gefällt es Bo überhaupt nicht, anderen Lebewesen ihr Blut zu stehlen, und so begibt er sich Nacht für Nacht mit seinen Freunden Faida und Maushettar, einer lebenden Engelsstatue und einer Riesenmaus, in Klausur, um an Alternativen zu tüfteln, die die Eltern nicht enttäuschen und ihn vor dem Spott seiner Brüder bewahren. Das verläuft turbulent, in herrlichen Dialogen und mit viel Situationskomik, was alles von atmosphärischen Bildern des nächtlichen, sehr belebten Friedhofs flankiert wird, auf dem beispielsweise ein Skelett regelmäßig damit beschäftigt ist, seine verlorenen Knochen zusammenzutragen, die ihm der Hund des Friedhofwächters immer wieder abspenstig macht. Eine sanfte, verschmitzte Gruselstimmung und eine sympathische Pädagogik halten einander ideal die Waage – einer der schönsten Kindercomics des Jahres.

Nora Borkenhagen: Bo und der erste Biss • Kibitz Verlag, Hamburg 2026 • 128 Seiten • Hardcover • 20,00 Euro

Antje von Stemm: Der (wahrscheinlich) magische Höhlenstein

Antje von Stemm ist Autorin, studierte Kinderbuchillustration und ließ sich in Santa Fe zur Papieringenieurin ausbilden, was sie zu ihrem heutigen Arbeitsschwerpunkt führte: Wimmel-, Bastel- und Pop-up-Bücher. Für „Fräulein Pop und Mrs. Up“ erhielt sie bereits im Jahr 2000 den Deutschen Jugendliteraturpreis. Ihr Kindercomic „Der (wahrscheinlich) magische Höhlenstein“ strotzt vor visuellen Ideen, dass es eine Art hat. Womöglich ist er sogar ein Novum, denn klassische Zeichnungen kommen nur selten zum Einsatz; die Geschichte wird wird als Fotobastelcomic erzählt, d. h. sämtliche Figuren und Gegenstände sind handgefertigt und wurden dann in Miniatur-Settings abfotografiert. Der Plot ist pures Rambazamba: Eine Mäusefamilie muss ihre Behausung, einen Karton, verlassen. Weil Omma Maus bei der Suche nach einer neuen Bleibe ihren Fuß verletzt, trennt sich die Gruppe. Mika, die Hauptfigur, bleibt bei ihrer Oma, nur um zu erfahren, dass diese einst mit Außerirdischen auf zahlreichen Rettungsmissionen Kleintiere gerettet haben soll und sie selbst nun über die gleichen magischen Fähigkeiten verfüge. Schwer zu glauben, bis die etwas träge gewordenen, dafür umso redseligeren und streitlustigeren Außerirdischen selbst aufkreuzen, deren Unterkunft, ein massiver Stein, sich in Wahrheit als Raumschiff entpuppt, mit dem Mika ihre Familie retten wird. Bis dahin tut’s zur schnellen Fortbewegung aber auch ein Taubentaxi, und zu diesem Zeitpunkt ist man längst den sensationellen Figuren-Designs und der prachtvollen Diorama-Ästhetik verfallen.

Antje von Stemm: Der (wahrscheinlich) magische Höhlenstein • Kibitz Verlag, Hamburg 2026 • 156 Seiten • Hardcover • 24,00 Euro

Jacobo Starace: The Devil in the Smiling Woods

Der italienische Comiczeichner Jacopo Starace hat mit „The Devil in the Smiling Woods“ eine kleine, kompakte Horror-Story vorgelegt, die sichtlich von der Liebe zum 80er-(Horror-)Kino geleitet wird. Eine US-amerikanische Kleinstadt, ein Pharmaunternehmen, das Schindluder mit der Natur treibt, ein unerklärliches Ereignis – zahlreiche Bergarbeiter, die seit zwei Jahren spurlos verschwunden sind – ergo ein Trauma, das die Bewohner der Stadt miteinander verbindet, und eine Gruppe Teenager, die sich mit der langsam einsetzenden Resignation nicht abfinden will. Die Referenzen reichen von Stephen King über Sam Raimi bis zu John Carpenter, und sowohl Staraces Gespür für effizientes visuelles Storytelling als auch sein Händchen für eine beklemmende Kolorierung führen souverän über ein paar offene Fragen hinweg. Bei der redaktionellen Bearbeitung ließ man indes Fünfe gerade sein: Mancher Dialog klingt schon deshalb gestelzt, weil er uns nur mit Informationen versorgen soll, die die Figuren längst kennen, der Unterschied zwischen „scheinbar“ und „anscheinend“, zwischen „das gleiche“ und „dasselbe“ oder auch nur zwischen einer Straße und einem Pfad spielt keine Rolle, eine TV-Reporterin spricht Bandwurmsätze in die Kamera, die ihr kein Lokalsender durchgehen ließe, Beschlüsse des Pharmaunternehmens sind „polemisch“ statt umstritten, „Erschließungstruppen“ durchsuchen das Bergwerk, und in raren Anflügen von Poesie „scheint sich die Stille zu einem ohrenbetäubenden Schrei zu ballen“.

Jacobo Starace: The Devil in the Smiling Woods • Cross Cult, Ludwigsburg 2026 • Softcover • 144 Seiten • 22,00 Euro

David Wenzel, Charles Dixon: Der Hobbit

David Wenzels Adaption von Tolkiens „Hobbit“ hat auch hier eine lange Editionsgeschichte hinter sich: zwischen 1989 und 1993 als dreibändige Albenausgabe bei Alpha, von 2001 bis 2012 dann als Gesamtausgabe bei Carlsen in insgesamt vier Auflagen mit wechselnden Titelbildern im etwas größeren US-Format, die lange Zeit nur antiquarisch erhältlich war. Nun erscheint bei Klett-Cotta eine von Wenzel um 14 Seiten erweiterte Neuausgabe in DIN A4 und im edlen Hardcover nach der Übersetzung von Wolfgang Krege, noch dazu mit einem 20-seitigen Anhang, in dem Wenzel den Entstehungsprozess rekapituliert und kreative Entscheidungen kommentiert. Wenzels zeitlose Aquarellkunst sieht pompöser denn je aus, besonders die Farben faszinieren mit ihrer herben Anmutung, die ideal zur anstrengenden Reise des Hobbits passt. Es wird ausufernd auf viele Textpassagen des Romans zurückgegriffen, was in diesem Fall Tolkien-Connaisseure nur noch mehr verzücken wird.

David Wenzel, Charles Dixon: Der Hobbit • Klett-Cotta, Stuttgart 2026 • 192 Seiten • Hardcover • 26,00 Euro

Jean-Pierre Naugrette: Das Blake und Mortimer Lexikon

80 Jahre Blake und Mortimer feiert der Carlsen Verlag mit einem großformatigen Lexikon des französischen Literaturwissenschaftlers Jean-Pierre Naugrette – das klingt nach rustikalen Kurzeinträgen, die den narrativen Korpus noch einmal für Fans aufbereiten, ist aber vielmehr eine alphabetisch nach Stichwörtern angeordnete Sammlung von Essay-Miniaturen, in denen wiederkehrende Sujets und Motive der (mit Sonderbänden) über 30 Alben fassenden und bis heute fortgesetzten Reihe kurz und knapp erörtert werden – optisch aufgelockert um Skizzen, Comic-Sequenzen, Coverabbildungen und -entwürfe. Das funktioniert auch für Neulinge bestens, weckt die Neugier und rekapituliert die Geschichte dieses Ligne-claire-Klassikers mit größerem Schwung, als man ihm einem tatsächlichen Lexikon abverlangen könnte.

Jean-Pierre Naugrette: Das Blake und Mortimer Lexikon • Carlsen, Hamburg 2026 • 144 Seiten • Hardcover • 30,00 Euro

Diese Beiträge erschienen zuerst in der monatlichen Comic-Kolumne auf: DieZukunft.de

Sven Jachmann schreibt als freier Autor über Comic, Film und Literatur, ist Herausgeber und Chefredakteur der Magazine Comic.de und Filmgazette.de sowie Redakteur beim Splitter Verlag. Seit 2006 Beiträge u. a. in Konkret, Tagesspiegel, ND, Taz, Jungle World, Titanic, diezukunft.de, Testcard, kino-zeit.de, Das Viertel und vielen dahingeschiedenen Magazinen. Essays für zahlreiche Comic-Editionen und DVD-Mediabooks.