Klimawandel, Apokalypsen und die Banalität des Bösen

Roberto Grossi macht sich in „Die große Verdrängung“ ein Bild vom Klimawandel, Patrick Lacan und Marion Besancon lassen in „Grün“ die Natur zurückschlagen, und Veiko Tammjärv adaptiert das „Hotel Zum verunglückten Alpinisten“ für die rechte Gegenwart. Eindrucksvolle, liebenswerte, diskutable Phantastik-Comics der letzten Monate.

Roberto Grossi: Die große Verdrängung

Roberto Grossi zeichnet den Klimawandel. Nicht als Abstraktum, nicht als comicjournalistische Faktensammlung mit vielen Zahlen und Tabellen, sonder als schleichendes Ereignis, als essayistischen Bildbrandbrief. Sein wichtigstes Mittel ist die Parallelmontage. Die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen ist bei Grossi maximal global: Kapitalismus und der neue Faschismus werden den Planeten irreversibel zerstören, und jede unumkehrbare Veränderung des ökologischen Gleichgewichts wird unumkehrbare Veränderungen in unser aller Leben zur Folge haben. Spricht Grossi von diesen Zusammenhängen, zeigt er etwa am Beispiel Böden im ersten Bild einen halb aufgegessenen Apfel, der sich im zweiten in eine von einem Steinschlag zerrissene Straße wandelt; spricht er von Wäldern, ist ein menschlicher Kopf in Detailaufnahme zu sehen, über den ein Haarschneider fährt, der im zweiten Bild mit einem kahlgerodeten Waldstück kontrastiert wird. Diese Bilder des Alltags werden einerseits zu Metaphern und zeigen andererseits die selbstverständlich anmutende Normalität, wie sie im Schweif der Katastrophe nicht mehr bleiben wird.

Der Titel „Die große Verdrängung“ ist zugleich die zentrale These des Buchs: „In vorindustriellen Chroniken gibt es Beschreibungen, die heute unvorstellbar sind. Vogelschwärme, die drei Tage brauchen, bis sie eine Region überquert haben. Büffelherden so weit das Auge reicht in der nordamerikanischen Prärie. Schiffe, die von mittags bis zum Sonnenuntergang durch Gruppen von Pottwalen fuhren. Wir wissen nicht mehr, was Opulenz ist. Aber wir merken es nicht. Jede Generation verliert das Wissen über ausgestorbene Arten.“

Unseren Umgang mit den verstörenden Fakten führt Grossi auch zur Medienkritik, von der man sich wünschte, dass sie -satire wäre. In einer Talkshow spricht ein Klimaforscher ruhig und sachlich über unangenehme Wahrheiten, was vom Moderator aber unentwegt abgewiegelt und ins Positive gewendet wird. Die Befragten auf den Straßen ergänzen: „Dann kann man im November ans Meer, wow.“ „Vielleicht erfinden die noch irgendwas.“ Und natürlich: „Wenn die Lage so dramatisch wäre, würde uns jemand aufhalten, oder?“ Auch Krieg und Ungleichberechtigung, also Ökonomie, Macht und Herrschaft werden ganze Kapitel gewidmet, und schließlich kann Grossi mit Mark Fisher nur resümieren: „Der Kapitalismus ist eben zum ausweglosen Vorstellungshorizont avanciert.“ Man kann narzisstisch gekränkt kritisieren, dass Grossi wenig Anlass zum Optimismus lässt und keinen Katalog mit Gegenmaßnahmen formuliert hat, die einen besser schlafen lassen. Man kann aber auch mit ihm für einen Moment den inneren Verdrängungsapparat zur Wartung schicken und aushalten, dass es nicht die Vernunft war, die uns in diese Lage gebracht hat.

Roberto Grossi: Die große Verdrängung • Avant-Verlag, Berlin 2025 • Flexcover • 208 Seiten • 25,00 Euro

Veiko Tammjärv: Hotel Zum verunglückten Alpinisten

Die Klassiker der Machtkritik haben uns heute wieder viel zu sagen. „Hotel Zum verunglückten Alpinisten“, sowohl der Roman der Strugazki Brüder als auch die estnische Verfilmung von Grigori Kromanov aus dem Jahr 1979 setzen auf die Flaschenpost-Taktik: Vordergründig eine mysteriöse Crime-Erzählung tief in den verschneiten Bergen des titelgebenden Hotels, in dem der Polizeiinspektor Peter Glebsky einen Mord unter den sonderbaren Gästen aufklären soll, der gar nicht stattgefunden hat, ist es doch die Figur dieses Ermittlers selbst, um die sich der Kern der Erzählung dreht. Der geriert sich stets als Herr der Lage, obwohl er ständig im Dunkeln tappt und die Situation fatal verkennt. Auch als offenbar wird, dass hier eine Gruppe friedlicher, allenfalls neugieriger Außerirdischer gestrandet und unwissentlich an eine brutale Gangsterbande geraten ist, will er nicht einsehen, dass sein pflichtschuldiges Vorgehen die Eskalation herbeiführt und Tote fordert. Er ist die Noir-Version des Apparatschicks, bar jeden Zweifels, dem alles verdächtig ist, nur nicht seine heillosen Fehlschlüsse aus diesen noch nie dagewesenen Umständen. Selbst über die Ereignisse hinaus beruhigt er sich mit bürokratischer Rationalität: „Ich bin verpflichtet, Paragraphen zu folgen. Das Gesetz ist mir heilig. Diese ganze seltsame Truppe wurde also getötet. Ja, sehr bedauerlich. Wenn sie Menschen waren, dann waren sie Gauner und bekamen ihre gerechte Strafe. Wenn sie keine Gauner waren, dann waren sie auch keine Menschen. Und Nicht-Menschen, die sich als Menschen verkleiden, fallen nicht in meine Zuständigkeit.“ Glebsky ist der Idealtypus der „Banalität des Bösen“, der alle Regungen des Mitgefühls abgespalten hat und noch die grausamsten Handlungen und Entscheidungen damit erklären wird, er habe nur seine Pflicht getan. Insofern ist es auch ein deutliches Statement zur Gegenwart, dass der estnische Comickünstler Veiko Tammjärv dieses Werk als expressionistisch stilisierten Comic adaptiert hat, in wenigen monochromen Farben und voller geometrischer Fallen, die die Bedrängnis, Abgeschiedenheit und Isolation der Figuren auch visuell begründen.

Veiko Tammjärv: Hotel Zum verunglückten Alpinisten • Voland & Quist, Berlin 2025 • 128 Seiten • Klappenbroschur • 30,00 Euro

Gerry Alanguilan: Elmer

Philippinische Comics haben sich zu einer Konstante im Portfolio des Mannheimer Dantes Verlags entwickelt, ein Alleinstellungsmerkmal auf dem hiesigen Comicmarkt. Diese Risikobereitschaft könnte sich bereits bei der dreibändige Dämonengeschichte „Trese“ ausgezahlt haben, die 2021 von Netflix als Anime-Serie adaptiert wurde. Auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse waren die Philippinen zudem Ehrengast, und für diesen Anlass hat man mit Gerry Alanguilans „Elmer“ aus dem Jahr 2006 ein veritables Meisterwerk veröffentlicht. Alanguilan, 2019 mit gerade mal 51 Jahren gestorben, wird einigen Comic-Cracks durch seine Mitarbeit an zahlreichen Marvel- und DC-Superheldenserien bekannt sein. Seine selbstverlegte, aus vier Heften bestehende Graphic Novel „Elmer“ ist offenkundig eine Herzensangelegenheit gewesen. Eine Fabel, eine Parabel, eine verzweifelte Passage aus einer Welt, in der Hühner in den späten 1970ern schlagartig ein Bewusstsein erlangt haben und nach langwierigen blutigen politischen Entwicklungen dem Menschen gleichgestellt sind. Wie schwierig sich diese Annäherung gestaltet, wird anhand einer traurigen Familiengeschichte gezeigt. Der Vater, die besagte Elmer-Figur, stirbt und hinterlässt seinem Sohn Jake, der den Menschen nicht traut, ein umfangreiches, chronologisch geführtes Buch mit seinen Erinnerungen aus der grausamen Frühzeit dieses Autonomieprozesses. Hass, Missgunst, Brutalität, eine Abfolge aus Fort- und Rückschritten entblättert sich auf den kompakt komponierten Comicseiten, die voller kluger Beobachtungen den Rassismus, die Xenophobie, die Genozide der Menschen adressieren. Die Form ist so offen, das kein konkreter Konflikt benannt wird, es ist vielmehr die Universalität des Gezeigten, was der Story die bittere Qualität verleiht. Das führte zu Eisner-Award-Nominierungen und zu einem Eintrag in die Empfehlungsliste der 100 besten Comics des 21. Jahrhunderts des Comicfestivals Angoulême. Und zu einer der wichtigsten hiesigen Comic-Veröffentlichungen des Jahres.

Gerry Alanguilan: Elmer • Dantes Verlag, Mannheim 2025 • 144 Seiten • Softcover • 18,00 Euro

Gaëlle Geniller: Nach Mitternacht

Gaëlle Genillers Graphic Novel „Die Blüte von Paris“ erzählte das fiktives Porträt eines nonbinären Varieté-Künstlers im Paris der 1920er-Jahre. In ihrem neuen Comic „Nach Mitternacht“ bewegt sich die französische Zeichnerin in einer ähnlichen Epoche, geht aber deutlich verschachtelter, rätselhafter und vor allem unheimlicher zu Werke, nutzt Mystery- und Gothic-Elemente für die Geschichte des Malers Guerlain, der mit seinem jungen Sohn das prunkvolle Herrenhaus bezieht, in dem er einst aufgewachsen ist. Der Ort soll ihm helfen, seine Schlafprobleme wieder in den Griff zu kriegen, doch es häufen sich ungewöhnliche Ereignisse: Drei Krähen suchen in auffällig zahmer Manier seine Nähe, die Figuren auf den Gemälde der Galerie scheinen lebendig zu sein, und Guerlains Sohn unterhält sich immer wieder mit unsichtbaren Freunden. Der erzählerische Reiz besteht in der Uneindeutigkeit, ob diese Phänomene überhaupt auf etwas Böses, Gefährliches hindeuten, und dieses Spiel mit den vermeintlichen Genre-Gesetzen einer Haunted-House-Story wird durch Genillers barock-pompöses Farbenspiel, das ihre Herkunft als Animationszeichnerin mit jedem Klecks verrät, imponierend unterstrichen.

Gaëlle Geniller: Nach Mitternacht • Splitter Verlag, Bielefeld 2025 • 208 Seiten • Hardcover • 29,80 Euro

Patrick Lacan/Marion Besancon: Grün

Ist das nun die Rache der Natur? Erst werden Kinder mit vereinzelten Blättern am Körper geboren, dann breitet sich auch im Rest der Bevölkerung unbehandelbarerer Pflanzenwuchs aus. Die Epidemie wird in wenigen Monaten zur Pandemie, und auch die Pflanzen wuchern rasend schnell. Das Ausmaß mutet apokalyptisch an, aber die Entwicklung ist eigentlich keineswegs bedrohlich: Weder sterben die Menschen am Pflanzenbefall noch leiden sie Schmerzen, im Gegenteil. Alle beschreiben sich als zufriedener denn je und suchen nach Wegen, sich mit der neuen Situation zu arrangieren. Es sind wieder mal die Menschen selbst, von denen Gefahr ausgeht: Schnell bilden sich Pro-Menschen-Gruppen, die zunächst Demos organisieren, im Internet Propaganda und Fake-Videos verbreiten und schließlich zu immer brutaleren Mitteln gegen Mensch und Natur greifen. Wer wird da nicht an Corona denken, an Rechtspopulismus und ökologischen Raubbau? Das französische Duo Patrick Lacan und Marion Besancon ist an den Mechanismen der Xenophobie und des Irrationalismus interessiert, schwelgt aber zugleich seitenweise in einer üppigen schwarzweißen Naturästhetik (die im utopischen Schlussteil auch Farbe annimmt), dass man aus dem Staunen nicht mehr rauskommt, selbst wenn sich letztendlich gar nicht so leicht sagen lässt, worauf dieser prachtvolle Wildwuchs eigentlich hinauswill.

Patrick Lacan/Marion Besancon: Grün • Avant-Verlag, Berlin 2025 • Hardcover • 264 Seiten • 35,00 Euro

Judith Kranz: Soma

Der Struktur nach ist „Soma“, das Debüt der Hamburger Comiczeichnerin Judith Kranz und Teil ihrer Bachelorarbeit an der HAW Hamburg, eine Dystopie: Das kleine Volk der Soma lebt unter der Erde. Draußen ist alles verseucht, Wasser lässt die seltsam anmutig knubbeligen Wesen vertrocknen, die Erde verbrennt sie, an der Luft verfallen sie zu Staub. Pflanzen liefern Nahrung und Material, aus dem sie Schutzanzüge und -helme in Steckdosenoptik herstellen. Die äußere Gefahr wird durch den Druck im Innern noch erhöht: Der sogenannte große Rat weist allen Arbeit zu und entscheidet, wer in einem regelmäßigen religiös aufgeladenen Ritual sein Leben für den Fortbestand der Gemeinschaft opfern muss. Widerstand wird sanktioniert, auch insgeheim: Als Lan in einem privaten Gespräch die Obrigkeit kritisiert, führt das zu einem abgekarteten Auswahlverfahren für die nächste Zeremonie. Also tritt Lan mit einem Freund die Flucht an und folgt den Spuren früherer Erkundungstrupps – eine Reise in eine faszinierend abweisende Natur, die in Kranz‘ wunderschön zierlichen Bleistiftzeichnungen, denen man die Schule Anke Feuchtenbergers anmerkt, zu einer atmosphärisch aufgeladenen Allegorie auf Freundschaft, Individualität und Resistenz reift.

Judith Kranz: Soma • Reprodukt, Berlin 2025 • 192 Seiten • Hardcover • 29,00 Euro

Tom King/Phil Hester: Gotham City. Das erste Jahr

Frank Millers und David Mazzucchellis „Batman: Year One“ (1987) erwies sich als grimmiger Klassiker, der im Fahrwasser des „Dark Knight“-Erfolgs die Batman-Figur mit Techniken der Kriminalerzählung einer langsam erodierenden Gesellschaft im sozialen Aufruhr aussetzt und die Origin Story der Fledermaus neu betrachtet. Das machte Schule, und über Jahrzehnte folgten Dutzende weiterer „Year One“-Ableger mit mal mehr, mal weniger namhaften DC-Figuren und qualitativ schwankendem Ergebnis. Tom Kings Versuch, der Entwicklung Gothams von der prosperierenden Stadt mit der, so will es die Story, weltweit niedrigsten Kriminalitätsrate zum allseits bekannten Moloch nachzuspüren, ist da schon ein anderer Schnack. King springt zurück ins Jahr 1961 und setzt den Privatdetektiv Slam Bradley auf einen Entführungsfall in der Wayne-Familie, den Großeltern Bruce Waynes, an, deren Tochter gekidnappt wurde, was – in einer ziemlich galligen mehrdeutigen Pointe – den ohnehin brutalen Rassismus in Gothams Gesellsschaftsstruktur, wo die Segregation noch spürbar ist, zur Pogrom-Stimmung anheizt. Die Entscheidung, Bradley als Hauptfigur und Erzähler auszuwählen, ist ohnehin von politischer Dimension. Seine Anfänge als lupenreiner, Chinesen hassender Rassist seit der ersten Ausgabe der „Detective Comics“ konterkariert King mit einer neuen Backstory. Hier wird er selbst von der Angst um seine nun schwarze Mutter getrieben und ist vom Polizisten zum Hard-Boiled-Privatschnüffler abgestiegen, weil er angesichts der Gewalt gegen Schwarze in den Behörden eines Tages seinen Ex-Kollegen die Scheiße aus dem Leib geprügelt hat. Gegen den Noir-typischen Nihilismus bringt King also auch ganz manifeste Gesellschaftskritik in Stellung; sein Slam Bradley hat nicht nur alles gesehen, sondern weiß auch, was daraus erwachsen wird.

Tom King/Phil Hester: Gotham City. Das erste Jahr • Panini, Stuttgart 2025 • 208 Seiten • Hardcover • 39,00 Euro

Rodney Barnes/Stevan Subic: Batman – Full Moon

Batman als Halloween-Snack: „Full Moon“ ist eine in vier Heften erzählte Werwolfgeschichte, die sowohl dem urbanen Lykanthropen moderneren Zuschnitts als auch den klassischen Motiven der Universal-Figur Curt Siodmaks Tribut zollt, weshalb sich die Schauplätze auch von Gotham City bis in die tiefen Wäldern Rumäniens erstrecken. Auf der einen Seite ein aus dem Labor von Wayne Pharmaceuticals ausgebrochener Werwolf, ein ehemaliger Soldat, der nachts die Stadt heimsucht, auf der anderen Seite Batman, der beim ersten Kampf gebissen wird und nun selbst zur Gefahr wird. Beide vereint die tragische Komponente, dass sie ihr ausbrechendes Es nicht kontrollieren können und alles daran setzen, diesen Fluch wieder loszuwerden, nachdem ihre Versuche der Selbstdomestizierung fehlgeschlagen sind. Ambivalenzen, Modifikationen, Metaphernspiele Fehlanzeige, „Full Moon“ möchte geradezu unschuldig im Mythos wühlen, mit spitzen Krallen und blutigen Reißzähnen im unheilvollen Vollmondschein. Das ist keine Schande und wird von Stefan Subic‘ Bilderstrom mit reichlich Atmosphäre angereichert.

Rodney Barnes/Stevan Subic: Batman – Full Moon • Panini, Stuttgart 2025 • 152 Seiten • Softcover • 20,00 Euro

Antonio Montana: H. P. Lovecraft – Die Katzen von Ulthar

Dies ist der dritte und letzte Band einer italienischen Comic-Anthologie-Reihe mit Adaptionen von Kurzgeschichten aus dem Frühwerk H. P. Lovecrafts. Waren die Vorgänger opulent aquarelliert oder variierten Stile des US-amerikanischen Mainstreams, ist dieser Abschluss am experimentierfreudigsten. Vier Geschichten – „Die Katzen von Ulthar“, „Der schreckliche alte Mann“, „Der Außenseiter“ und „Der Hund“ – hat Zeichner Antonio Montano umgesetzt und besinnt sich auf die Pulp-Wurzeln von Lovecrafts Prosa: kantige Formen, ein monochromes, übersichtliches Farbschema, eine hie und da vergilbte Anmutung im expressiven Zeichenrausch erinnern an die verspielteren Zeiten einstiger Horror-Illustrationskunst. Das ist, erst recht für Lovecraft, sehr reduktionistisch, da genügt auch schon die Andeutung eines Schattens, um den Schrecken anzukündigen, was insofern mit Lovecrafts frühen Story-Versuchen korrespondiert, als sich hier das Grauen noch nicht aus der Existenz kosmischer Wesen, sondern den dunklen Abgründen der Menschen speist und klassisch psychologisch grundiert ist.

Antonio Montana: H. P. Lovecraft – Die Katzen von Ulthar und weitere Geschichten • Splitter Verlag, Bielefeld 2025 • 80 Seiten • Hardcover • 19,80 Euro

Gaet’s/Clotilde Goubely: Dinodyssee Band 1

„Dinodyssee“ ist der Auftakt zu einem freundlichen Kindercomic, in dem ein junger Velociraptor, dessen Talent als Jäger zu wünschen übrig lässt, sich aufmacht, die Welt zu retten. Denn am Himmel sind große Feuerbälle zu sehen, was jedoch die weiteren Bewohner nicht allzu ernst nehmen. Darum gewinnt der ein paar Freunde und begibt sich auf den Weg zu dem weisen Anky, dem Einzigen, der vermutlich die Gefahr probat einzuschätzen versteht. Das führt zu einem komödiantischen Roadtrip, bei dem Mut und Verantwortung gefordert sind, der einerseits dank der niedlichen Figurenzeichnung erfreut und genau deswegen aber auch gelegentlich enttäuscht, wenn es in manchen Panels mit den Perspektiven, Bewegungsabläufen oder Bildhintergründen nicht so genau genommen wird – Mankos indes, die man im zweiten Band womöglich besser im Griff hat.

Gaet’s/Clotilde Goubely: Dinodyssee Band 1: Freunde für immer • Toonfish, Bielefeld 2025 • 56 Seiten • Hardcover • 15,95 Euro

Dieser Beitrag erschienen zuerst am 13.10.2025 auf: DieZukunft.de

Sven Jachmann schreibt als freier Autor über Comic, Film und Literatur, ist Herausgeber und Chefredakteur der Magazine Comic.de und Filmgazette.de sowie Redakteur beim Splitter Verlag. Seit 2006 Beiträge u. a. in Konkret, Tagesspiegel, ND, Taz, Jungle World, Titanic, diezukunft.de, Testcard, kino-zeit.de, Das Viertel und vielen dahingeschiedenen Magazinen. Essays für zahlreiche Comic-Editionen und DVD-Mediabooks.