Emotional vergletschert – „Sabrina“

Die Menschen in dem Comic „Sabrina“ sind es nicht gewohnt, sich in der Welt zu bewegen, das macht Nick Drnaso schon auf den ersten Seiten klar. Da erzählt die Schwester von Sabrina von ihrem ersten Urlaub als Teenager: wie sie abgehauen ist, um nach Panama City Beach zu reisen. Wie sie im miesesten Motel der Stadt gelandet ist, weil ihr Geld nicht reichte. Wie sie sich all die Tage in einer Spielhalle rumtrieb, weil sie sonst nichts mit sich anzufangen wusste. Und wie sie dann auch noch fast vergewaltigt worden wäre. Das ist Jahre her, und es ist das erst Mal, das Sabrina davon hört.

Gesellschaftsanalyse statt Krimi

„Ich war zu stolz, weißt Du. Seitdem war ich nicht im Urlaub.“

Am nächsten Morgen wird Sabrina die Katze füttern, einen Zettel schreiben, das Haus verlassen und nie wieder auftauchen. Ist sie durchgebrannt? Oder einem Verbrechen zum Opfer gefallen?

Nick Drnaso (Autor und Zeichner): „Sabrina“.
Blumenbar, Berlin 2019. 208 Seiten. 26 Euro

Nick Drnaso hätte aus dieser Ausgangslage einen spannenden Krimi machen können. Stattdessen zeigt er, wie die Angehörigen in eine tiefe Depression fallen. Und er zeichnet eine brillante Analyse der amerikanischen Gesellschaft. Da ist zum Beispiel Calvin, der seinen alten Schulfreund Teddy aufnimmt, weil dessen Frau Sabrina verschwunden ist. Calvin arbeitet für einen amerikanischen Internet-Sicherheitsdienst und muss jeden Tag in einem Fragebogen seine psychische Verfasstheit festhalten. Er weiß genau, welche Tage zu seinen schlechteren zählen und dokumentiert das pflichtgemäß. Trotzdem ist er genauso gefangen in sich selbst wie die übrigen Protagonisten. Als er dem verzweifelten Teddy sein Haus zeigt, bleibt sein eigenes Zimmer tabu.

„Ich würde dich bitten, nicht reinzugehen. Nicht falsch verstehen. Gut, dass Du hier bist, ich bin nur komisch mit Privatsphäre.“

So wenig wie die Menschen in dem Comic „Sabrina“ aus sich herausgehen, so wenig gehen sie aus dem Haus. Ausgerechnet das Bild, auf dem Sabrina vor die Tür tritt und verschwindet, ist eine der wenigen Szenen, in denen Nick Drnaso seine Protagonisten an die frische Luft führt.

Beklemmend-eintönige Räume

Ansonsten hat er für sie nur karge Innenräume übrig: Im Wohnzimmer gibt es ein Sofa, einen Tisch, einen Fernseher, eine Heizung und ein Fenster mit Rollo – also alles, was es braucht, um zu funktionieren. Auch die Großraumbüros und langen Behördengänge spenden keinen Trost. Die Räume sind so beklemmend und eintönig, dass sich daraus ein eigenartiger Reiz entwickelt.

Das ist überhaupt das Verrückte an dem ganzen Comic: Nick Drnaso zeichnet mit klaren Linien und warmen Pastellfarben eine Welt, die in klar voneinander abgegrenzte und quadratische Bilder passt. Das wirkt ungeheuer schön und übersichtlich und sorgt gerade deshalb beim Lesen für Unbehagen – denn was da im Comic passiert, ist alles andere als schön und übersichtlich. Allerdings wird alles, was irgendwie verunsichern könnte, medial vermittelt.

Dazu gehören Calvins Gespräche mit der getrennt lebenden Tochter über Skype genauso wie das Video, das die brutale Ermordung von Sabrina zeigt und sich im Internet rasant verbreitet. Doch welchen Inhalten kann man glauben, wenn man keinen Bezug zur Außenwelt hat? Den Sensationsmedien? Oder den Verschwörungstheorien, die Teddy immer wieder im Radio hört?

Emotionale Verarmung durch Medienkonsum

„Wenn sie uns nach unseren Zwölfstundenschichten zu Genüge ausgenommen haben, Regierungsprogramme versanden und die Infrastruktur bröckelt, dann stecken sie uns noch in ein Flugzeug und fliegen damit in eine Gebäude. Schicken Mörder in unsere Grundschulen, und wenn du dich weigerst, dafür auch noch zu zahlen, stecken sie dich in den Knast.“

„Sabrina“ zeigt Menschen, deren Leben vom Medienkonsum geprägt ist und die dadurch nicht nur emotional verarmen, sondern auch ihre Urteilsfähigkeit verlieren. Damit kann man „Sabrina“ auch als einen Kommentar auf eine Demokratie lesen, in der die Menschen immer populistischer und radikaler wählen.

Hier und hier gibt es weitere Kritiken zu „Sabrina“.

Dieser Text erschien zuerst am 17.09.2019 in: Deutschlandfunk

Andrea Heinze arbeitet als Kulturjournalistin u. a. für kulturradio rbb, BR, SWR, Deutschlandfunk und MDR.

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