Von Wertham zu Dragman

Wenn Frederic Wertham das noch erlebt hätte: ein männlicher Superheld in Frauenkleidern. Als der deutsch-amerikanische Psychiater und erbitterte Comic-Gegner in seinem Buch „Seduction of the Innocent“ (1954) vor den gefährlichen Vorbildern Batman und Robin warnte, war an einen Comic wie „Dragman“ noch nicht zu denken.

In einem entfremdeten London unbestimmter Zeit haben Superhelden sich zum vermeintlichen Wohle der Menschheit organisiert und retten Menschen aus gefährlichen Situationen, zumindest sofern diese eine Superheldenversicherung haben. Was auf den ersten, allerdings nur den allerersten Blick wie heroischer Altruismus daherkommt, entpuppt sich als kapitalistisch-gnadenloses Geschäftsmodell.

Wem Miete oder Kredite zu große Sorgen bereiten, der verkauft seine Seele, ganz und gar nicht sprichwörtlich, sondern buchstäblich für Geld. Viel Geld. Danach ist man ein Arschloch, aber immerhin verdammt reich. In dieser Welt ohne funktionierende Mietpreisbremse lebt August, der durch das Tragen von Frauenkleider Superkräfte entfaltet. Er wird zu Dragman. Zusammen mit seinem Sidekick Dog Girl ermittelt er in der Trans-Szene und versucht einen brutalen Mörder und Seelenräuber zu stellen. Und nebenher bemüht er sich, sein Familienleben aufrechtzuerhalten, denn seine Frau und sein Sohn wissen nichts von seinem Doppelleben.

Steven Appleby: „Dragman“.
Aus dem Englischen von Ruth Keen. Schaltzeit Verlag, Berlin 2021. 336 Seiten. 29 Euro

Während wir der Perspektive des Dragman in den schnörkellosen Comic-Passagen folgen, streut der britische Cartoonist Steven Appleby immer wieder längere Texte ein, in denen wir der Sicht des Täters folgen. So bekommt der hybride Text-Bild-Mix des queeren Protagonisten einen monomedialen Kontrast.

Lange ist das Superheldengenre nicht mehr so intelligent und unterhaltsam gegen den Strich gebürstet worden wie hier. Keine muskelstrotzenden Flattermänner und auch keine globalen Bedrohungen durch allzu raffinierte Superschurken. Ganz im Gegenteil: Anstelle von überzeichneten Männlichkeitsklischees bietet „Dragman“ ein erfrischendes Understatement. Auf beiden Seiten der moralischen Demarkationslinie herrschen die trivialen Regeln des Alltags.

In seiner offensiv-metaphorischen Verwendung des Superheldenkonzepts geht „Dragman“ vor wie Frank Schmolkes „Freaks“. Dort lässt sich das Superheldendasein auflösen als ein Bild für gesellschaftliches Außenseitertum, hier fungiert es – in einer von mehreren möglichen Lesarten – als Metapher für den Mut, sich selbst zu finden. Die Maske und das Kostüm sind kein Instrument des Verbergens, ganz im Gegenteil: In der Zurschaustellung des „Kostüms“ kommt die eigene Identität überhaupt erst zur Entfaltung.

Aber „Superhelden“ sind noch Metapher für mehr: „Ich war auch einmal Superheld. Aber das ist alles lange her.“ Nicht erst seit Frank Millers „The Dark Knight Returns“ ist klar, dass die Superkräfte ursprünglich vor allem ein jugendliches Phänomen sind: Spätestens Mittvierziger taugen bestenfalls zu Schurken zweiter Ordnung.

Die Geschichte ist ein Kriminalfall mit groteskem Humor: Dragman trifft auf andere Superhelden, deren Superkräfte absolut einzigartig sind: Hindsight etwa verfügt über die nutzlose Gabe, in die Vergangenheit blicken zu können. Allerdings kann er keine Cold-Case-Mordfälle lösen oder vergrabene Piratenschätze finden, sondern nur die kleinen Verluste des Alltags kompensieren: etwa verlorene Regenschirme finden. Äquivalent zu den von David Graeber in seinem gleichlautenden Buch beschriebenen Bullshit-Jobs sieht diese Gabe wie eine „Bullshit“-Fähigkeit aus, allerdings täuscht der Schein. „Dragman“ lehrt einen, dass auch grotesk anmutende Talente einen Nutzen entfalten können.

Dragman und Dog Girl sind einem Verbrechen auf der Spur, und dieses wiederum ist ebenso real wie der Superschurke, der das Böse verkörpert. Diese Melange aus Kapitalismuskritik, Queerness und Superheldenparodie ist ausgesprochen unterhaltsam und intelligent, wenngleich man einwenden muss, dass ein Comic, der mit so viel Einfallsreichtum die binäre Vorstellung von Geschlechtern unterläuft, auch ein wenig differenzierter mit dem moralischen Wertesystem hätte umgehen können: Die Kategorien von „Gut“ und „Böse“ lässt Appleby in seiner Schlichtheit ganz und gar unangetastet.

Man muss vielleicht noch ergänzen, dass Steven Appleby in „Dragman“ seine Erfahrungen mit seiner eigenen Transsexualität kreativ verarbeitet hat, ohne daraus eine Autobiographie zu stricken. Comic-Experte Andreas Platthaus nannte diesen Comic in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung einen „Geniestreich“. Keine Ahnung, was ihn zu dieser maßlosen Untertreibung bewogen hat.

Gerrit Lungershausen, geboren 1979 als Gerrit Lembke, hat in Kiel Literatur- und Medienwissenschaften studiert und wurde 2016 promoviert. Er hat Bücher über Walter Moers, Actionkino und den Deutschen Buchpreis herausgegeben. 2014 hat er zusammen mit anderen das e-Journal Closure gegründet und ist bis heute Mitherausgeber. Derzeit lebt er in Mainz und schreibt für Comicgate und die Comixene. An der TU Hamburg-Harburg unterrichtet er Comic-Forschung.

Seite aus „Dragman“ (Schaltzeit Verlag)