Krimis mit Hunden, Science-Fiction mit Schuss und Spielberg mit Anekdoten

Josephine Mark hat mit „Red“ einen brillanten Funny-Krimi gezeichnet, von Moebius existieren tatsächlich noch unübersetzte Werke, und Amazing Ameziane verhebt sich an Steven Spielberg. Eindrucksvolle, liebenswerte, diskutable Phantastik-Comics der letzten Monate.

Josephine Mark: Red

Josephine Marks schwarzhumoriger Krimi „Red“ ist im Kibitz Verlag erschienen, der auf Kindercomics spezialisiert ist, aber mit diesem kleinen Meisterwerk wird jede Altersklasse glücklich. Es geht um einen dreibeinigen Hund, der auf der Flucht vor zwei gewaltgeilen Waschbären in der Waldhütte der hypermürrischen alten Rosa landet, der der ungebetene Gast allemal lästig ist. Zumindest darf er über Nacht bleiben, und als er am nächsten Morgen zufällig am Hemd ihres verstorbenen Mannes Red menschliche Blutreste erschnüffelt – dessen nackter Leichnam vor 30 Jahren im Wald entdeckt wurde, Todesursache: Erfroren wegen Alkoholvergiftung, Fall geschlossen –, ist das der Auftakt für eine langwierige Privatermittlung der beiden, schließlich hatte Red noch nie zuvor in seinem Leben Alkohol getrunken.

Der Witz steckt in sämtlichen Details: Die Dialoge sind lakonisch, aber so pointiert wie in einem Kaurismäki-Film; die Zeichnungen genial typisierend, sodass etwa bei Rosa stets zwei waagerechte Striche für Mund und Augen genügen, um ein ganzes Arsenal an Grimmigkeit darzustellen; der Plot ist schon deshalb unvorhersehbar, weil manche Tiere mit den Menschen sprechen können, andere wiederum nicht (etwa ein Zirkuspony, dessen Posen trotzdem verraten, dass es den Gesprächen der Menschen folgen kann), und die verschneite Waldlandschaft erinnert sowohl an Provinzkrimis als auch ans „Fargo“ der Coen Brüder. Das Funny-Road-Movie „Trip mit Tropf“, die Westernparodie „Murr“, nun also der Krimi „Red“ – Josephine Mark gehört zu den wenigen exzellenten Comiczeichner*innen und -autor*innen, die das Humor-Metier auch in der langen Form perfekt beherrschen. Die Jury des Comic-Salons Erlangen applaudiert ebenfalls und hat den Band für den diesjährigen Max-und-Moritz-Preis nominiert.

Josephine Mark: Red • Kibitz Verlag, Hamburg 2026 • 248 Seiten • Hardcover • 26,00 Euro

Zuni, Christopher Fellehner: Holzinsel

Dieser Kindercomic wird vom Kibitz Verlag etwas pädagogischer verkauft, als er tatsächlich ist: „In ihrer spannenden Abenteuergeschichte stellen Zuni und Christopher Fellehner die Frage, wie weit man für seine Überzeugungen gehen darf“, heißt es auf der Website. Unter dieser Prämisse lässt sich nach der Lektüre festhalten: Man sollte keinesfalls versuchen, für Flora und Fauna die gesamte Menschheit zu vernichten. Aki muss mit seinen Eltern Urlaub auf einer einsamen Insel verbringen, ohne Handy und Internet, nur noch bewohnt von der „Botanikerin“, die dort ihre vermeintlich harmlosen Experimente durchführt, tatsächlich aber überaus sinistre Pläne von globalem Ausmaß verfolgt. Im Kern erzählt das Duo mit viel Witz und in herrlich feinziselierten Zeichnungen eine kindgerechte mad scientist story mit Paranoia-Elementen: Aki findet die Wahrheit heraus, ist aber auf sich allein gestellt, denn natürlich denken seine Eltern, dass die Fantasie mit ihrem Sohn durchgeht – was sie sich letztendlich von diesem Digital-detox-Experiment ja auch versprochen hatten. Erziehungsauftrag erfüllt vs. Wir werden alle sterben, die Omma ist verrückt – das ist die humoristische Fallhöhe. Und während Aki zusammen mit einem wilden Esel, mit dem er sich angefreundet hat, seine Dr. Moreau zu entlarven versucht, kann man sich an all den niedlichen Waldtieren gar nicht genug sattsehen. Wenn’s darüber hinaus der Reife dient, die Weltuntergangspläne von durchgedrehten Bond-Bösewichten zu vereiteln, sollte dieser Comic erst recht und noch heute in jedem Kinderzimmer ausliegen.

Zuni, Christopher Fellehner: Holzinsel • Kibitz Verlag, Hamburg 2026 • Hardcover • 96 Seiten • 20,00 Euro

Moebius: Die hermetische Garage – Jäger und Gejagter

Moebius in den 70ern war die Revolution der Zeichen: Sein schmutziger Tuschestil aus „Blueberry“ wich linienbetonenden Federzeichnungen; die Schraffurtechnik erzeugte eine Dreidimensionalität, die sich dem Sog archaischer Traumwelten verschrieb; das Korsett des Genres wurde zur ans Absurde grenzenden Assoziation; die Seite war nicht mehr bloß Träger sequentieller Erzähleinheiten, sondern wuchs zum eigens komponierten Element; aus erzählerischer Geradlinigkeit entsprang eine hybride Programmatik aus Science Fiction, Mystik und Traumlogik – wortlos in „Arzach“, delirierend in „Die hermetische Garage“ oder „Der Incal“ und meist nur wenige Schritte von der Esoterik entfernt.

Automatisches Zeichnen, Abkehr von der begrenzten Seitenzahl des klassischen Albums, sexuell aufgeladene SF-Settings und das Primat des (alb-)traumhaften Fabulierens; die Introspektion der Künstleridentität vor jeder Verständlichkeit hatte es in dieser episch-avancierten Form noch nicht gegeben. Für den europäischen Comic war dies ein qualitativer Quantensprung, den Moebius wie kein zweiter verkörpert, und er wurde zum internationalen Star. Dass es trotzdem noch Werke von ihm gibt, die nicht ins Deutsche übertragen wurden, ist kaum zu glauben. Doch dieser Appendix zur „hermetischen Garage“ aus den 2000er Jahren, der nun beim Avant-Verlag erschienen ist, gehört ebenso dazu, wie der im Oktober bei Splitter angekündigte, über 700-seitige Spätwerk-Trumm „Inside Moebius“, an den sich bislang kein Verlag herangetraut hat. Gute Zeiten also, um Comicgeschichte nachzuholen.

Moebius: Die hermetische Garage – Jäger und Gejagter • Avant-Verlag 2026 • 64 Seiten • Hardcover • 30,00 Euro

André Breinbauer: Blutsauger

Hannah Traindl hat den alten Mietvertrag ihrer Oma übernommen und wohnt nun seit ein paar Monaten in einem Wiener Altbau. Doch die neue Hausverwaltung Easy-Wohnen setzt alles daran, die Mietparteien herauszuekeln. Das wäre die soziale Angst-Komponente. Zu allem Überfluss sieht Hannahs nachtaktiver Nachbar auch noch aus wie Max Schreck in „Nosferatu“ und benimmst sich mindestens merkwürdig, was die irrationale Angst hinzutreten lässt, bei ihm handele es sich um einen Vampir, der ihr nach dem Leben trachtet. Sie vertieft sich also in den Vampir-Mythos und bemerkt über diese immer obsessiveren Beschäftigung gar nicht, dass sie die echte Gefahr immer mehr aus den Augen verliert. Wie der Wiener Zeichner André Breinbauer die schalkhafte Grusel-Hommage mit den realen Abstiegsängsten verbindet, bringt mal jenseits der metaphorischen Untertöne einen Schuss ganz expliziter Sozialpolitik ins Horror-Genre. Das honoriert selbst der Kulturbetrieb: Sogar die Max-und-Moritz-Preis-Jury gibt in diesem Jahr der Vampir-Story eine Chance und schickt den Titel ins Rennen.

André Breinbauer: Blutsauger • Carlsen, Hamburg 2026 • 248 Seiten • Hardcover • 28,00 Euro

Amazing Ameziane: Spielberg

Der französische Zeichner Amazing Ameziane ist der emsigste Comicbiograph der Filmwelt. Neben Quentin Tarantino und Martin Scorsese, die auch in deutscher Übersetzung bei Splitter erschienen sind, hat er sich noch der Werke Francis Ford Coppolas und Sergio Leones angenommen, Clint Eastwood wird das nächste Projekt. Aber erst einmal Steven Spielberg, das einstige Wunderkind, das Hollywood mit „Der weiße Hai“ auf den Blockbuster-Trichter gebracht hat, jenes globale Auswertungsmodell, dem wir die heutige beispiellose Konformität der Stoffe und Stile, gigantomanische Budgets und den Tod des B-Picture verdanken. Ebenso Dutzende Filme, die Geschichte geschrieben haben. Ameziane setzt die Fanboy-Brille auf und lässt sich chronologisch durch Spielbergs Filme treiben – nicht erschöpfend, eher repetitiv: so viel Geld, so viel Zusammenhalt am Set, so wenig Zeit. Beim Tarantino-Band korrespondierten die Abschweifungen bestens mit dessen Pastiche-Methode, da ließ sich auch ein wenig übers Exploitation-Kino sinnieren. Hier gewinnt man den Eindruck, dass Ameziane die Deadline im Nacken saß, wenn er immer wieder zu knappen Produktionsanekdoten zurückkehrt, die sich auffällig oft mit der englischen Wikipedia decken, und die Misserfolge teilweise ausspart. Alles so schön nostalgisch hier, ikonisch erst recht, technisch astrein, Spitzenfilme, netter Kerl. Die großformatigen, oft doppelseitigen Zeichnungen arbeiten sich meist an berühmten Szenen ab, die Illustration dominiert. Für die Textebene wäre diesmal ohnehin der Rückgriff auf externe Expertise ratsam gewesen.

Amazing Ameziane: Spielberg • Splitter Verlag, Bielefeld 2026 • 192 Seiten • Hardcover • 35,00 Euro

Cyril Lieron, Benoit Dahan: Im Kopf von Sherlock Holmes Teil 1

In 56 Kurzgeschichten und vier Romanen hat Arthur Conan Doyle Sherlock Holmes auftreten lassen und damit eine archetypische Detektiv-Figur geschaffen, die eine gigantische Industrie am Laufen hält. Schwierig, zwischen all den Adaptionen, Remakes, Reboots und Sequels in den entlegensten popkulturellen Randgebieten noch eigene Akzente zu setzen. Aber der französische Zeichner Benoit Dahan überwältigt mit einer eigenständigen visuellen Pracht, dass daraus ein methodischer Ansatz von eigener Güte erwächst. Wie schon im Vorgänger-Doppelband ist es Holmes‘ Denkapparat selbst, den Dahan und Autor Cyril Lieron in Beziehung zum Fall setzen; der Titel der Reihe ist keine Metapher, sondern wörtlich zu verstehen. Hier nun verschlägt es Holmes und Watson in ein abgelegenes schottisches Dorf am Loch Leathan, wo ein sektenartiger Kult und eine Nessie ähnelnde Kreatur für Schrecken sorgen. Und nimmt die Geschichte anhand eines mysteriösen Briefes, der Holmes zugespielt wird, erst ihren Anfang, gibt’s für Dahan kein Halten mehr: Dann fährt auf einer Doppelseite ein Zug wie eine Modelleisenbahn die als Stationen angeordneten Indizien ab und wird von Holmes mit Informationen beladen oder die Panelaufteilung einer Seite ergibt in ihrer Gesamtheit ein Pentagramm, um die satanistischen Absichten der Sekte klarzustellen. Auch die Leser*innen (und das Lektorat!) sind gefordert: Eine wichtige Nachricht lässt sich erst entschlüsseln, indem man die Seite gegen das Licht hält, weil die Buchstaben andernfalls von schwarzen Balken verdeckt sind; an anderer Stelle müssen zwei Seiten exakt aneinandergelegt werden, sodass sich aus den Texten der Vorderseiten neue Wortkombinationen ergeben. Hier triumphiert die Form über den Inhalt zur Abwechslung mal aus gutem Grund.

Cyril Lieron, Benoit Dahan: Im Kopf von Sherlock Holmes. Teil 1: Der Albtraum von Loch Leathan • Splitter Verlag, Bielefeld 2026 • 48 Seiten • Hardcover • 18,00 Euro

Nele Jongeling: Ich will nicht arbeiten

Im Neoliberalismus ist individualisierte Selbstverantwortung das Maß aller Dinge. Wer keine Arbeit findet, ist selbst schuld; wer seine Arbeit verliert, gab sich zu wenig Mühe; wer zu wenig verdient, hat falsche Prioritäten gesetzt; wer Arbeit ablehnt, schadet der Volkswirtschaft. Es braucht all diese internalisierten Denkbewegungen, damit die strukturelle Ungleichheit nicht zu einem solidarischen Aufbegehren führt. Wo Armut und Reichtum bloß eine Frage der individuellen Motivation sind, gibt es weder systemische Grenzen, die den Aufstieg verhindern, noch Verantwortliche, die sozialen Wandel politisch unterdrücken, und je rechter die Zeiten, desto mehr wird diese brutale Arbeitsideologie durchgesetzt. Nele Jongeling hat in ihrer Mediensatire „Ich will nicht arbeiten“ diese Stimmung niedergezeichnet und bietet ganz tagesaktuell Friedrich Merz Paroli. Die Kandidaten der TV-Show „Projekt Traumjob“ müssen unter Beweis stellen, dass sie den Preis, den Job in spe, auch wirklich wollen und sind darum zu allen möglichen Demütigungen, die niemand mehr als solche erkennt, bereit. Zugleich geben sich sie sich nicht vollends dem Konkurrenzdruck hin – sonst wäre die Erzählung nur eine weitere rabiate Dystopie unter vielen. Die Figuren knüpfen Beziehungen untereinander, sprechen über Ängste und erhalten durch die Gespräche vor der Kamera eine psychologische Tiefe, sodass kein sozialdarwinistisches Setting in den Fokus rückt, sondern immer das Konzept Arbeit den roten Faden bildet. Das lässt Raum für Veränderung, aber nicht für ein Happy End, dafür ist die Story viel zu ehrlich.

Nele Jongeling: Ich will nicht arbeiten • Reprodukt, Berlin 2026 • 304 Seiten • Klappenbroschur • 29,00 Euro

Ville Ranta: Wie der König den Kopf verlor

Ville Ranta ist der bekannteste Karikaturist Finnlands, was ihn nicht davon abhält, regelmäßig auch Graphic Novels zu zeichnen. Zuletzt übersetzte Reprodukt im vergangenen Jahr Rantas Abrechnung mit dem französischen Comicbetrieb „Wie ich Frankreich erobert habe“, ein Rückblick auf seine frühen Versuche in den nuller Jahren auf dem dortigen Markt Fuß zu fassen. Die lustigen Begegnungen mit Schwadroneuren und Großmäulern brachen sich an Rantas Selbstkritik, die eigenen Karriereziele rüde auf dem Rücken seiner zurückgelassenen Familie durchgesetzt zu haben, und gewissermaßen schließt die jetzt erschienene vordergründige Märchen-Parodie „Wie der König den Kopf verlor“ daran an. Denn dass der titelgebende König, dessen Schloss aus dem letzten Loch pfeift, seine zunächst noch witzige Sinnkrise, unter der seine desinteressierten Töchter und seine als Hofnärrin auftretende Frau zu leiden haben, einer Verbindung aus Narzissmus und früherem Fehlverhalten verdankt, ist die düstere Finte des Plots, der die Märchen- und Fantasy-Elemente dazu nutzt, allerlei Erscheinungsformen toxischer Männlichkeit durchzuspielen.

Ville Ranta: Wie der König den Kopf verlor • Reprodukt, Berlin 2026 • Hardcover • 176 Seiten • 26,00 Euro

Suehiro Marou: Doktor Inugami

Für „Doktor Inugami“ taucht Mangaka Suehiro Marou tief in die japanische Folklore für recht deftige Horrorgeschichten. Das Prinzip dieser Storys ist meist sehr ähnlich: Doktor Inugami erscheint vor Figuren, denen von einem Zauber oder anderen bösartigen Figuren arg zugesetzt wird, und rettet, was noch zu retten ist – dann heißt es nicht kleckern, sondern klotzen, denn die Grausamkeit der Szenen ist von gehobener japanischer Drastik. Im Nachwort entschlüsselt der Kulturanthropologe Kazuhiko Komatsu die Tradition der blutigen Bilder, in der sich Marou bewegt, ebenso wie die mythologischen Bezüge, die er in den vorliegenden Geschichten verarbeitet hat. So splattert es sich doch viel reueloser.

Suehiro Marou: Doktor Inugami • Reprodukt, Berlin 2026 • 192 Seiten • Flexicover • 20,00 Euro

Diese Beiträge erschienen zuerst in der monatlichen Comic-Kolumne auf: DieZukunft.de

Sven Jachmann schreibt als freier Autor über Comic, Film und Literatur, ist Herausgeber und Chefredakteur der Magazine Comic.de und Filmgazette.de sowie Redakteur beim Splitter Verlag. Seit 2006 Beiträge u. a. in Konkret, Tagesspiegel, ND, Taz, Jungle World, Titanic, diezukunft.de, Testcard, kino-zeit.de, Das Viertel und vielen dahingeschiedenen Magazinen. Essays für zahlreiche Comic-Editionen und DVD-Mediabooks.