Auf den Hamburger Graphic Novel Tagen im Mai sprachen die Comickünstler Reinhard Kleist und David Prudhomme über ihre Methoden, Musik zeichnerisch darzustellen. Ein guter Anlass, um weitere Spielarten im zeitgenössischen Comic vorzustellen.
Auf den diesjährigen 14. Hamburger Graphic Novel Tagen im Mai wurde das Thema „Comic und Musik“ beleuchtet. Von der eleganten Halle des Literaturhauses ging es dafür auf die Bühne des Nachtasyls im Thalia-Theater, wo gelegentlich auch Bands auftreten. Hier saßen die Zeichner David Prudhomme aus Frankreich und der deutsche Reinhard Kleist. Prudhomme hat binnen zehn Jahren zwei aufeinanderfolgende Bände zur Geschichte der griechischen Folk-Richtung Rembetiko herausgebracht, sie heißen „Rembetiko“ und „Rembetissa“. Geboten wurde zunächst eine beeindruckend umfangreiche, aber sehr hastige Werkschau des französischen Künstlers, der damit schon bewies, was er später verbal bekräftigte: Er ist enorm vielfältig, erforscht gern Stile, ihn interessiert „das Spiel zwischen Figur und Ort wie bei alten Renaissance-Meistern“, zudem ist für ihn das Zeichnen ein Mittel, Erinnerungen weiterzugeben. Zu sehen waren unter anderem jeweils sekundenschnell: sechs Meter hohe hängende Leinwände, welche er bei „Concertes desinée“ live bemalt hatte, eine Totentanz-Version, die das altbekannte Motiv mit dem Fußballspiel vereint, und schließlich zeigte er voller Stolz Malereien an den Wänden einer Grotte in der Region Okzitanien.
Zum Rembetiko musste Prudhomme erst einen Zugang verschaffen. Der kam eher durch die Vertiefung in die politischen Hintergründe dieser Bewegung sowie genaue Studien der einzelnen Instrumente als über die Klänge zustande. Durch einen Fokus auf Mimik und Bewegung, den minimalen Einsatz von erdigen Farben und markante Licht-Schatten-Wechsel erzeugt er Stimmung, in die Leser*nnen eine Illusion von Rhythmus und Tempo hineindeuten können.

Von Reinhard Kleist gibt es bereits „Bio-Pics“ über Elvis, Johnny Cash, Nick Cave und David Bowie, alle relativ ähnlich im Stil. Als großer Fan konzentrierte er sich an diesem Abend auf seine beiden David-Bowie-Bände „Star Man – David Bowie’s Ziggy Stardust Years“ (2021) und „Low – David Bowie’s Berlin Years“ (2024), mit Schwerpunkt auf letzterem. Im Unterschied zu seinem französischen Kollegen geht er weniger choreografisch-verspielt mit Körpern und Räumen um, sondern arbeitet strukturiert wie ein Regisseur: Er verfasst ein Drehbuch, erteilt Regieanweisungen an sich selbst. Doch zuerst kommt die genaue Recherche, denn Fehler in Stil und Detail verzeihen die Fans nicht. Ein Beispiel sei die sehr detaillierte Abbildung eines Hamonizer-Effektgerätes, die dazu führte, dass er sich nun damit nerdmäßig damit auskenne. Etwas korrekt zu zeichnen heißt auch, es zu kapieren.
Der direkte Einfluss von Musik auf die zeichnende Hand schien allerdings bei beiden keine große Rolle zu spielen. Gezielte Fragen des Moderators und Comic-Experten Andreas Platthaus, Redakteur bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, erwiesen, dass das titelgebende Thema hier überwiegend narrativ umgesetzt wurde. Beide Künstler erklärten, dass sie es nicht wagen würden, Musik als solche ikonografisch wiederzugeben. Beide erschaffen stumme Bilder, die sich erzählerisch mit dem Umfeld des Klangs auseinandersetzen. Prudhomme nannte die „Niederlage“, Klang nicht darzustellen, eine „inspirierende Frustration“. Er überlasse es den Leser*innen, die Musik zu imaginieren. Man kann das als Antrieb betrachten, sich mit einer Lösung zu befassen. Denn es gibt durchaus gelungene Beispiele für eine unmittelbare oder synästhetische Übersetzung von Klang ins Bild.
Weshalb zu diesem doch sehr offenen Leitthema ausgerechnet zwei Vertreter mit ähnlicher Herangehensweise eingeladen wurden, bleibt offen. Die Geschichten um die Musik sind es wert, erzählt zu werden, wie auch die Plots der Song-Texte. Da wäre zum Beispiel die „Strapazin“-Ausgabe #157 aus dem Dezember 2024, die unter dem Namen „Mixtape“ Zeichner*nnen mit ausgewählten Songs konfrontierte. Einem ähnlichen Ansatz folgt die „Songcomics“-Reihe aus dem Ventil-Verlag, in der Zeichner*nnen ihren Assoziationen zu Songtexten einzelner Bands freien Lauf lassen, darunter beispielweise Ton Steine Scherben oder Trio.

In der gegenwärtigen Comic-Szene sind etliche Künstler*innen dem Thema Klang viel sinnlicher, ikonografischer und wohl auch grundsätzlicher auf der Spur als Prudhomme und Kleist: Mikael Ross‘ Beethoven-Biografie „Goldjunge“ macht in wilden Strichen und kräftigen Farben die musikalische Inbrunst sichtbar, mit der das junge Genie in die Tasten haut. Das erinnert deutlich an Wilhelm Buschs expressive Zeichnungen des Pianisten in seiner Satire „Der Virtuos“ von 1865.
Auch David von Bassewitz ist zu nennen, der in der Graphic Novel „Stockhausen, der Mann, der vom Sirius kam“ den Klang und das Neuartige, Abstrakte in krakelige rote Zeichen übersetzt. Um die strenge Serialität der Kompositionen zu zeigen, benutzt er einen Zoom-Out in mehreren Etappen aus den symmetrischen Grundrissen des Jardin du Luxembourg in Paris, wo sich Stockhausen während seiner Paris-Phase Anfang der 50er-Jahre Inspiration holte. Über diesen klaren, gleichmäßigen Formen „schweben“ wieder die roten, amorphen Pinselstriche wie ein Synonym befreiten Klangs.

Eine zentrale Rolle spielt Musik in einem der wichtigsten deutschen Comics 2024: Maren Aminis „Ahmadjan und der Wiedehopf“. Die Zeichnerin sieht in der Liebe zu Ahmad Zahir, einem afghanischen Musiker aus den 70ern, der traditionelle Musik mit westlichen Einflüssen mischte, eine Verbindung über die Klüfte der zerrütteten afghanischen Gesellschaft der damligen Zeit hinweg. „In Afghanistan gibt es so viele Ethnien, und die Gräben sind so tief und werden immer tiefer, dass es scheint, als könnte die Gesellschaft nie mehr vereint werden. Aber die Liebe zu Ahmad Zahir vereint alle,“ sagte sie in einem Interview. Diese Kraft entfaltet sie in dem Comic als geschwungene Linien, die tanzende Figuren umgeben, oder als großflächiges Farbenspiel, wie eine Darstellung von Synästhesie.
Interessant ist auch, wie Musiker*innen selbst zeichnen oder sich Geschichten für Comics ausdenken. John Lennon skizzierte u. a. Szenen des Bed-In-Happenings 1969 als Cartoons aus leichten, schnellen Linien, reduziert auf das Wesentliche. Musik kann auch zu kraftvollen Ideen für Comic-Plots führen. „My Chemical Romance“ – Gerard Way inspirierte sie zu Superhelden-Bösewichten wie eine durch Klang mordende weiße Geige, die in der bereits verfilmten Serie „The Umbrella Academy“ ihr gnadenloses Unwesen treibt.

Die sehr ordentlich gezeichneten Satiren des New Yorkers Jeffrey Lewis, der als Musiker Anfang des Jahrtausends die Anti-Folk-Szene mit begründete, orientieren sich am Stil Daniel Clowes‘, Jack Kirbys und Robert Crumbs – jenes Robert Crumbs, der in den späten 60ern früh zeigte, wie sehr Comic Punk sein kann, inhaltlich obszön, verrückt und subversiv, zugleich akribisch gezeichnet und rembrandtartig schraffiert. Mit der Gestaltung des Plattencovers „Cheap Thrills“ von Janis Joplins wurde diese künstlerische Verbindung weltweit berühmt. Die Rolling Stones boten ihm daraufhin mehr als das doppelte Honorar an, wenn er für sie zeichnen würde. Doch der arme Schlucker lehnte stur und stolz ab, weil ihm die Musik nicht gefiel. Crumb selbst spielt Mandoline in der vor 40 Jahren gegründeten Band Les Primitifs du Futur. Die hat sich der altmodischen französischen Valse-Musette verpflichtet, einer Art Kaffeehaus-Jazz. Gegenüber dem nostalgischen Charme dieser verspielten Musik sehen nicht nur Crumbs ordentliche Musiker-Zeichnungen, sondern auch die Protagonisten seiner oft rabiaten Plots fast harmlos aus.
Zum Ende der Veranstaltung im Nachtasyl folgte noch der Versuch, einen direkten Dialog zwischen Klang und Zeichnung herzustellen. Dazu legte der Musiker Joscha Baltes ein buntes Programm am Keyboard hin. Reinhard Kleist zeichnete währenddessen vor aller Augen. Doch was auch gerade erklang, Kleist fertigte unabhängig davon und zielsicher drei Illustrationen zum Kontext Bowie und Weltraum an. Da war sie womöglich wieder, die inspirierende Frustration.

Imke Staats hat in Hamburg Kommunikationsdesign studiert, ist freie Illustratorin und Autorin (u. a. Missy, taz, Folker), Schnellzeichnerin, Konzertzeichnerin und seit 2012 Kursleiterin für Zeichen-/Comic- und andere Kreativkurse in Schulen (Dauerbrenner Comic und Zeichnen), Lehrbeauftragte an Schulen.
