Klimawandel und Zwangsintegration – „Wir gehören dem Land“

Es war ein Leben im Einklang mit der Natur, so beschreibt es der Indigene Paul Andrew im Comic: Im Frühjahr bauten sie Kanus aus Holz und Elchleder, in denen die ganze Familie reisen konnte und Fische fangen – so viele Fische, dass sie bis in den Winter reichten. Im Sommer trafen sich die Familien am Fluss, tauschten Neuigkeiten aus, halfen einander, feierten. Im Winter dann spannten sie die Hunde vor die Schlitten und gingen in den Bergen jagen. Es war eine entbehrungsreiche Zeit voller Hunger und Kälte. Es war aber auch eine glückliche Zeit.

„Ich glaube, man lernt vor allem eins: Demut. Denn ohne Demut lernt man gar nichts. – Und wer hat Dir das alles beigebracht? – Alle.“

Joe Sacco (Autor und Zeichner): „Wir gehören dem Land“.
Aus dem Englischen von Christoph Schuler. Edition Moderne, Zürich 2020. 256 Seiten. 25 Euro

Paul Andrew hat dem Comiczeichner Joe Sacco von seiner Kindheit bei den Dene erzählt, so heißen die Indigenen im hohen Norden Kanadas. Heute ist Paul Andrew ein alter Mann. Die Welt, von der er berichtet, gibt es nicht mehr. Der Comic „Wir gehören dem Land“ berichtet davon, wie der Lebensstil der Dene zerstört wird, weil die Natur, in der sie leben, zerstört wird.

Joe Sacco: „Ich wollte ein Buch über den Klimawandel und die globale Erwärmung machen. Aber ich wollte das nicht so direkt ansprechen. Ich dachte, es könnte interessant sein, wie die indigenen Menschen auf den Abbau von Rohstoffen reagieren, der ja im direkten Zusammenhang zum Klimawandel steht.“

Tatsächlich erzählt Joe Sacco im zweiten Kapitel seines Comics davon, wie Ölkonzerne die Umwelt zerstören, indem sie dem Land der Dene durch Fracking Öl und Gas abpressen. Allein für die Erkundung der Böden werden der Jahrhunderte alte Nadelwald und Moore von Schneisen durchzogen. An den Bohrstellen ist der Wald gerodet und planiert. Die fein schraffierten schwarz-weißen Bilder, mit denen Joe Sacco zuvor das Idyll vom Leben im Einklang mit der Natur zeichnete, zeigen nun eine geschundene Landschaft voller Röhrensysteme der Ölförderanlagen, der Wald ist von Rodungen durchzogen – und vom Lärm der Schneemobile, der Helikopter und der Trucks, die das Öl abtransportieren.

„Wenig Lastwagenverkehr heißt, der Ölpreis ist niedrig, Fracking lohnt hier gerade nicht, weil es zu teuer ist.“

Zusammen mit einer Übersetzerin reist Joe Sacco zu den Siedlungen der Dene. Hunderte Kilometer weit über unbefestigte Straßen, die nur durch Schnee und Eis zusammengehalten werden. Und genau darin liegt die Stärke seiner Comicreportagen, die so aufwendig zu zeichnen sind: Er fährt dorthin, wo sonst keiner hinkommt und spricht unvoreingenommen mit den unterschiedlichsten Menschen. So erfährt er, dass es durchaus Dene gibt, die hoffen, von der FrackingIndustrie zu profitieren – weil mit der Industrie auch die Schulbildung für die Kinder kommt, die später einmal in den Konzernen arbeiten und so den Abbau mitgestalten sollen. Und Joe Sacco berichtet von den kulturellen Missverständnissen, die das Zusammenleben und den Austausch der Dene mit den weißen Neuankömmlingen von Anfang an prägten.

Seite aus „Wir gehören dem Land“ (Edition Moderne)

„Stephen Kakfwi, geboren in Fort Good Hope und drei Jahre lang Premiereminister der Nord-Westterritorien, erzählt mir, wie er eines Tages in der Schulbibliothek auf eine Kopie des 11. Abkommens gestoßen sei. Ich las es und war überrascht, dass die Dene all ihre Rechte abgetreten und ihr Land für 5 Dollar im Jahr und ein paar Patronen und Fischernetze im Jahr abgegeben hatten. Ich weiß noch, dass ich dachte, das ist das Verrückteste, was ich jemals gelesen habe.“

Es war keine Naivität, die die Dene all ihre Länder an die Weißen abtreten ließ. Es waren Kulturunterschiede, die von den Weißen ausgenutzt wurden, erfährt Joe Sacco. Denn für die Dene ist nicht entscheidend, was auf einem Papier steht. In Ihrer Kultur wird Wissen durch Geschichten weitergegeben. Mündliche Abmachungen, die von allen gehört und weitergegeben werden können, haben einen höheren Stellenwert als juristische Dokumente. Joe Sacco zeigt auch, wie zerrüttet die Gemeinschaft der Dene heute ist: Es gibt wesentlich mehr Fälle von Kindesmissbrauch und häuslicher Gewalt als im Landesdurschnitt, die Suizidrate ist um ein Dreifaches höher. Bei dieser Beobachtung belässt es Joe Sacco aber nicht. Er will die Ursachen für die Probleme finden.

„Lieber Leser, es liegt etwas Bedrohliches über diesen Geschichten, über dem ganzen Projekt. Ich hätte es vielleicht schon früher erwähnen sollen. Bisher habe ich nur die Auswirkungen beschrieben. Aber wir müssen genauer hinschauen. Es sind nicht einfach ‚Wilde‘, die unvorbereitet in eine sich schnell verändernde Welt geworfen wurden. Lange Zeit war es Kanadas offizielle Politik, den Indigenen die Wurzeln zu kappen.“

Jedes Detail ist für den Autor und Zeichner Joe Sacco wichtig, um zu verstehen, warum die Dene geworden sind, wie sie sind. Lange Zeit praktizierte die kanadische Regierung eine Art erzwungene Integration. Mit Gewalt wurden den Dene die Kinder genommen und in weit entfernte Internate gebracht, um sie an den westlichen Lebensstil zu gewöhnen.

Seite aus „Wir gehören dem Land“ (Edition Moderne)

„Im Internat wusste man nie, warum man geschlagen wurde. Wir wollten einfach nur weg. Aber Du darfst nichts sagen, also schluckst Du die Wut.“

Für Joe Sacco ist das staatliche Integrationsprogramm der Grund vieler Probleme, die die Dene heute haben.

Joe Sacco: „Die Internate waren immer ein Thema, wenn ich mit den Dene gesprochen habe. Sehr, sehr viele, mit denen ich gesprochen habe, sind aus ihren Familien gerissen worden, manchmal wurden sie in hunderte Kilometer entfernte Internate geflogen. Und dort mussten sie sich in weiße, christliche Strukturen einfügen. Das hatte schreckliche Auswirkungen für die Dene, die ganze Kultur der Dene wurde so zerstört. Die starke Gemeinschaft wird nun von Alkoholismus zerrüttet, von häuslichem Missbrauch und das sind direkte Folgen von den Traumata, die die Dene durch die Lehrer, Priester und Nonnen in den Internaten erfahren haben.“

Zum Beispiel den Missbrauch durch Lehrer, der in den Internaten damals üblich war. Die Verbrechen in den Internaten wurden in Kanada längst von einer Kommission aufgearbeitet. Es gab Entschädigungen für die Dene – doch mit ihren Problemen, die für Joe Sacco eindeutig Folgen der staatlichen Umerziehungs- und Integrationsversuche sind, werden die Dene allein gelassen. In seiner Comicreportage portraitiert Joe Sacco zahlreiche dieser Menschen und zeichnet ihnen die Härte ihres Lebens ins Gesicht. Sein Comic nimmt sich Zeit, die Geschichte der Dene zu erzählen. Er zeigt eine indigene Gemeinde, die von einer Vergangenheit im Einklang mit der Natur erzählt, deren Gegenwart aber geprägt ist von Gewalt, Streit und unauflösbaren Widersprüchen.

Dieser Artikel erschien zuerst als Hörbeitrag am 21.06.2020 auf: SWR2 lesenswert Magazin

Andrea Heinze arbeitet als Kulturjournalistin u. a. für kulturradio rbb, BR, SWR, Deutschlandfunk und MDR.

Seite aus „Wir gehören dem Land“ (Edition Moderne)