„Mann, Sie werden besser!“

Szene aus Will Eisners "A Contract with God" (© Will Eisner Studios, Inc.)

Über den US-amerikanischen Comickünstler Will Eisner (1917-2005) lässt sich nur in Demut sprechen. Er war an den maßgeblichen Umbrüchen, die das Medium voranbringen und dessen Geschichte bestimmen sollten, nicht nur beteiligt, sondern hat sie initiiert. Das nahm schon in seinen Teenager-Jahren seinen Anfang: 1936 gründete er mit 19 einen der ersten sogenannten comic packager, eine Comicdienstleiteragentur, wie sie bald zuhauf und landesweit die Zeitungen und Verlage mit Material für ihre Beilagen und comic books versorgten.

1940 startete sein erster Karriere-Monolith „The Spirit“ nicht etwa als Comicheft, sondern, bis heute ein Novum, als siebenseitige Short Story eines sechzehnseitigen Zeitungscomicsupplements. Das bedeutete eine deutlich höhere Auflage, bessere Honorare und überdies den Verbleib der Rechte an der Spirit-Figur bei Eisner. Der Erfolg der noch jungen Superheldenhefte am Kiosk setzte die Zeitungssyndikate unter Druck, also versuchte man mit einem Comicheft als Beilage zu kontern.

Alexander Braun: „Will Eisner. Graphic Novel Godfather“.
Avant-Verlag, Berlin 2021. 384 Seiten. 39 Euro

Eisner konnte den kindischen Heldenphantasien nichts abgewinnen, darum stattete er seine Spirit-Figur so rudimentär wie möglich mit Elementen des Genres aus: Denny Colt trägt eine Augenmaske und operiert, da er nach einem Anschlag für tot gehalten wird, aus einem geheimen Rückzugsort unter dem Wildwood-Friedhof Central Citys. Das musste genügen. Statt eines kosmischen Heros präsentierte Eisner einen verletzbaren Detektiv des Großstadtdschungels aus dem Crime-Fiction-Arsenal des Pulp. Statt einen verbindlichen Titelschriftzug zu etablieren – eine vermarktbare Trademark, die nicht zuletzt Eisner die Arbeit erleichtert hätte – experimentierte er jede Woche aufs neue mit der Typographie und dem gesamten Eröffnungsbild, und als das von den Auftraggebern nach einer Handvoll Episoden bemängelt wurde, konnte Eisner ebendieses Formspiel kurzerhand zum Wiedererkennungsmerkmal erklären. Dass man dem gerade mal 23jährigen Zeichner so viel Chuzpe durchgehen ließ, ist wohl nur mit der Goldgräberstimmung jener Zeit zu erklären.

„The Spirit“ wurde zu Eisners Laboratorium, in dem er die Vielfalt des grafischen Erzählens erprobte und vorantrieb. Einflüsse aus Film Noir, Expressionismus und Literatur zeigten sich im Einsatz von Licht und Schatten, in kühnen Montagen und Experimenten mit Panelstrukturen und Seitenaufbau, mit dem Verhältnis von Zeit und Raum und schließlich mit dem Medium selbst: In einer Episode von 1942 kapern Gangster nicht nur Eisners Atelier, sondern seinen Comic. Sie schlagen ihn, der gerade eine neue Spirit-Story zeichnet, nieder und beenden an seiner statt die Geschichte: „Kohle kassieren fürs Herumsitzen und Bildchen malen. Das ist das wahre Leben!“ Zwar kann der Spirit sie am Ende aus dem Studio vertreiben, doch fehlt Eisner nun die Zeit, die Deadline einzuhalten. Nach einem erfreuten Blick auf ihre zurückgelassenen Zeichnungen rät ihm der Spirit, einfach das Material der Gangster zu verwenden. Und tatsächlich zeigt sich der Redakteur begeistert: „Großartig! Und die Zeichnungen, Mann, Sie werden besser!“ Was Eisner an Variationsreichtum des seriellen Erzählens gegen die Superhelden-Konkurrenz auffährt, ist noch heute von einmaliger Innovationskraft – selbst die zeichnenden Kollegen belächelten Eisners Überzeugung von der Gleichwertigkeit des Comics mit allen anderen erzählenden Künsten.

Aus „Ein Vertrag mit Gott“ (Abbildung aus „Will Eisner: Graphic Novel Godfather, © Alexander Braun)

Bis 1952 wurden 645 „Spirit“-Episoden veröffentlicht. Die Blaupause. Erst 1978 konnte Eisner mit seiner Vision, uneingeschränkt von Zwängen des Formats und inhaltlichen Vorgaben Ernst machen. Da erschien „Ein Vertrag mit Gott“, programmatisch mit der Gattungsbezeichnung Graphic Novel. Vier schwarzweiße, miteinander verbundene Kurzgeschichten, Studien der Subalternen, speziell des migrantisch-jüdisch-amerikanischen Milieus im New York der 1920er- bis 1950er-Jahre. Ein moralisierender Duktus fehlt. Aber stets ist klar, dass das Leid der Figuren stellvertretend im Kleinen abbildet, was sie im Großen zur Ohnmacht zwingt. Eisner erzählt von überflüssigen Menschen, die im Bewusstsein ihrer Austauschbarkeit jeden Impuls der Revolte hilflos gegen sich selbst richten. Und er erzählt seine eigene Geschichte, von seinem soziologischen Kosmos, wenn man so will.

Das Jüdische und der Antisemitismus sind konstante Leitmotive, hier und mehr noch in einigen der rund 20 weiteren Graphic Novels, die noch folgen werden. In der Autobiografie „Zum Herzen des Sturms“ beispielsweise schildert Eisner die Wiederbegegnung mit einem Jugendfreund in einem Cafe kurz vor dem Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg. Schnell spekuliert dieser, dass Eisner als Jude sicherlich um die Einberufung herumkommen werde, halluziniert dann ein jüdisches Komplott inklusive Vernichtungsphantasie – und lädt Eisner zum Essen ein. Als der Zeichner ein paar Seiten später einem besorgten Geschäftspartner beim Lunch offenbart, dass er sich keineswegs von der Einberufung befreien lassen wolle, lautet dessen Kommentar bei Eisners Abgang: „Juden.“ Kurze Sequenzen, die das Strukturprinzip der pathischen Projektion des Antisemiten pointiert illustrieren: Wie der Jude (und Atheist) Eisner auch handeln mag, es ist verkehrt. Dass der Hass auf Juden die Shoah überlebte und moderne Antisemiten, die keine mehr sind, sich bis in vermeintlich aufgeklärte Zirkel am kleinen Land Israel als Projektionsersatz abreagieren, hat Eisner in späten Jahren immer mehr besorgt. Kurz vor seinem Tod veröffentlichte er „Das Komplott. Die Protokolle der Weisen von Zion“, einen Sachcomic über die bis heute weltweit verlegte Hetzschrift und Fälschung.

Bis zum 27. Juni sind Eisners Werke in der Ausstellung „Will Eisner – Graphic Novel Godfather“ im Dortmunder Comicmuseum schauraum: comic + cartoon zu sehen. Der gleichnamige bibliophile Ausstellungskatalog von Kurator Alexander Braun ist die erste deutsche Eisner-Monografie, ein Meisterstück der Comicgeschichtsprosa und eine besonders pittoreske Kreisbewegung: 2015 und 2020 erhielt Braun für seine editorische Leistung an den „Little Nemo“- und „Krazy Kat“-Gesamtausgaben jeweils einen US-amerikanischen Eisner-Award.

Diese Kritik erschien zuerst am 27.05.2021 in: Junge Welt, Literaturbeilage Leipziger Buchmesse

Hier gibt es ein Interview mit Alexander Braun, hier und hier weitere Kritiken zu seiner Monographie.

Sven Jachmann ist Comic.de- und Splitter-Redakteur und Herausgeber des Filmmagazins filmgazette.de, schreibt für KONKRET, Tagesspiegel und Junge Welt. Beiträge u. a. in Neues Deutschland, Taz, TITANIC, Jungle World, Der Schnitt, Pony, Das Viertel, Testcard sowie für zahlreiche Buch- und Comicpublikationen und DVD-Mediabooks.

Doppelseite aus Alexander Brauns Monographie „Will Eisner – Graphic Novel Godfather“ (Avant-Verlag)